Klaus Vogel: „Ich habe immer wieder an den Symptomen kuriert statt an die Wurzel zu gehen“
von der NETZWERK-Redaktion
Textnummer: 505804
Erstellt am 2004/06/28, zuletzt geändert am 2008/09/02
Am Rande der Jubiläumsversammlung am 12. Juni 2004 auf Schloss Zeil stellte NETZWERK dem Bundeskoordinator zwölf mehr oder weniger persönliche Fragen zu seiner Arbeit für den Verein in den letzten zehn Jahren.
Am Rande der Jubiläumsversammlung am 12. Juni 2004 auf Schloss Zeil stellte NETZWERK dem Bundeskoordinator zwölf mehr oder weniger persönliche Fragen zu seiner Arbeit für den Verein in den letzten zehn Jahren.
Was bedeutete die heutige 13. Mitgliederversammlung für dich?
Sehr viel. Natürlich waren alle bisherigen Versammlungen für mich wichtig, aber heute ging es immerhin um die erste Jahresbilanz des Vorsitzenden Klaus Vogel nach den einschneidenden Änderungen im vergangenen Jahr und den zehnten Geburtstag des Vereins.
Und wie fühlst du dich jetzt?
Zufrieden. Christiane und Mike haben den weiten Weg aus England auf sich genommen, so dass von den zwölf Vereinsmitgliedern nun zehn hier sind: mit über 80 Prozent die höchste Teilnehmerquote seit der Vereinsgründung! Kassenprüfer, Versammlung und insbesondere auch der Ehrenvorsitzende stellten deutliche Anzeichen dafür fest, dass die kombinierten Spar- und Investitionsmaßnahmen zu greifen beginnen – und das sind Leute, die wissen, wovon sie reden, denn fast alle sind schon seit 1994 dabei. Wir sind zwar noch nicht über dem Berg, aber es sieht so aus, als könnten wir es schaffen.
Was läuft im Verein am schlechtesten, was am besten?
Am schwierigsten gestaltet sich das Fundraising. Nach der BMW-Förderung ging praktisch nichts mehr, zuletzt platzte sogar 2003 das Benefiz-Golfturnier mit Prinz Edward. Gut positioniert ist der operative Bereich. Grundsätze, System und Qualitätssicherung sind klar, die Arbeitshilfen und Lehrgänge spitze, Programmlehrgang und Magazin haben hohes Ansehen weit über das Jugendprogramm hinaus. Auch der Zuspruch der Anbieter zu diesen Angeboten beginnt sich zu bessern, die Teilnehmerzahlen am Programmlehrgang und der Umsatz des AwardShop steigen. Am besten läuft die Renovierung der Alten Bahnmeisterei – es ist einfach unglaublich, was Rainer, Thomas und all die anderen dort seit anderthalb Jahren geleistet haben.
Gibt es etwas, von dem du nach zehn Jahren sagen würdest, dass es dein Hauptfehler war oder ist?
Ich habe immer wieder, aus der Not eine Tugend machend, Lösungen mitgetragen oder gar initiiert, die nicht an die Wurzel des Problems gingen, sondern bestenfalls versuchten, die Symptome zu kurieren. Das hat uns viel Nerven, Zeit und auch Geld gekostet.
Zum Beispiel?
Ich habe bei meinem Rückblick gerade das schlimmste Beispiel, das uns noch allen in den Knochen steckt, erwähnt. Um dem operativen Bereich im Verein das nötige Gewicht zu verschaffen, haben wir schon früh die Anbieterlizenz an die Vereinsmitgliedschaft gekoppelt. Dies war ein klarer und bewusster Verstoß gegen das Franchise-System, das die meisten deutschen Anbieter deshalb nur mit dieser Verbiegung kennengelernt haben. Was wir dann als vereinsinterne Regionalorganisation einführten, musste deshalb zwangsläufig mancherorts als die Gründung von Regionalverbänden wahrgenommen, tituliert und auch praktiziert werden. Die Probleme der Doppelspitze Leutkirch – Osterburken, um die es ursprünglich ging, wurden durch die Zwangsmitgliedschaft in keiner Weise gelöst.
Und worauf bist du am meisten stolz?
Darauf, dass wir bei der Gründung vor zehn Jahren ein wirklich tragfähiges Fundament gelegt haben, vor allem durch die Konzeption eines kleinen, flexiblen Trägervereins – im Unterschied zu einer Verbandsstruktur. Auch wenn wir uns dieser dann im Lauf der Jahre doch wieder bedenklich angenähert haben: das Ziel war klar, und von diesem aus konnten Fehlentwicklungen festgestellt und korrigiert werden. Aber nicht nur Trägerverein, auch Koordinationsbüro, AwardShop, Programmhandbuch, Programmlehrgang, Anerkennungsverfahren als freier Träger, Magazinkonzeption und Stiftungsidee hatten wir alles bereits 1994, den Teamerkreis, Christiane sei Dank, seit 1996.
Was gefällt dir an deiner Tätigkeit am meisten, was am wenigsten?
Ich habe große Gestaltungsmöglichkeiten – aber zu wenig Zeit für Familie, Freunde und Hobbys. Es gibt jeden Tag Neues zu erleben und zu lernen – ob ich es nun will oder nicht. Von den vielen Leute, denen ich begegne, geht es den meisten tatsächlich um die jungen Leute, denen das Programm helfen soll – aber manche wollen in erster Linie sich selbst oder ihre Einrichtung in ein besseres Licht setzen. Ich arbeite sehr gern mit Menschen wie euch zusammen – aber leider ist die Büroarbeit inzwischen meine wichtigste Aufgabe.
Woher nimmst du die Energie für deine ehrenamtliche Tätigkeit?
Ich glaube, es sind in erster Linie die Leute um mich herum, die mir Kraft geben – vor allem die, die mir nun schon seit zehn Jahren unermüdlich in allen Höhen und Tiefen zur Seite stehen und, wie gesagt, fast alle hier sind: der Erbgraf, Roland Matzker, Mike Mumford, Christiane Schlichting, Rainer Schmid, Frank Urfer, Linus Vetter, Katharina Vogel und Thomas Zemmel. Mit Theo Betz habe ich einen Vertreter, auf den ich mich hundertprozentig verlassen kann und der in der Alten Bahnmeisterei inzwischen Hausrecht genießt. Ein Genuss, von dem ich zehre, ist die Arbeit mit den Programmteilnehmern an der Schule.
Du hast gesagt, die Vereinstätigkeit lässt dir zu wenig Raum für deine Hobbys. Was machst du denn in der freien Zeit, die dir neben Schule und Osterburkener Jugendprogramm noch bleibt, und wofür hast du zu wenig Zeit?
Wenn ich daheim bin, gehe ich fast jeden Tag mit meinen Hunden spazieren, die sonntäglichen Touren ins „Ross“ sind für Mensch und Hund ein wichtiges Ritual. Neben zahlreichen Zeitschriften und neuerdings der „FAZ“ habe ich immer zwei oder drei Bücher herumliegen, in denen ich parallel lese...
Und das sind zur Zeit?
... Huckleberry Finn (wieder einmal), Owen Meany und ein Fachbuch über LaTeX. Zur Astronomie komme ich trotz des neuen Superteleskops meines Nachbarn nur noch im Unterricht und mangels Praxis wird mein Russisch jeden Tag schlechter. Die Feuerwehrkarriere habe ich auf allen Ebenen beendet.
Warum hast du 1994 eine Aufgabe übernommen, die so in dein Leben eingreift, und warum bist du nach zehn Jahren immer noch dabei?
Die Frage habt ihr mir schon einmal gestellt und an der Antwort hat sich nichts geändert. Am Anfang standen die Erkenntnis, dass es unmöglich ist, bei der Feuerwehr oder in Osterburken ein tolles Pilotprojekt zu haben, wenn es „darüber“, d.h. beim Trägerverein, nicht stimmt – und die Ahnungslosigkeit, welchen Einsatz es erfordert, einen solchen Verein zu schaffen. Ich bin immer noch dabei, weil ich gebraucht werde und mir meine Aufgabe trotz allem immer noch große Freude bereitet.
Wann wirst du aufhören?
Dazu braucht ihr den letzten Satz nur umzudrehen: wenn ich nicht mehr gebraucht werde oder mir meine Aufgabe trotz allem eigentlich keinen Spaß mehr macht.
