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Vogel: „Salem für alle irgendwie“

von Jutta Schmieg

Textnummer: 057203

Erstellt am 2005/04/30, zuletzt geändert am 2011/07/18, begonnen am 2002/05/29

Für ihrer wissenschaftlichen Hausarbeit an der PH Heidelberg – dort zu finden auf den Seiten 69 bis 72 – führte Jutta Schmieg das folgende Interview mit Bundeskoordinator Klaus Vogel zu dessen persönlichen Jugendprogramm-Geschichte, das NETZWERK hier mit freundlicher Genehmigung der Autorin veröffentlicht.

von Jutta Schmieg

Textnummer:

Erstellt am: 29. Mai 2002, geändert am:

Fotos:

Für ihrer wissenschaftlichen Hausarbeit an der PH Heidelberg – dort zu finden auf den Seiten 69 bis 72 – führte Jutta Schmieg das folgende Interview mit Bundeskoordinator Klaus Vogel zu dessen persönlichen Jugendprogramm-Geschichte, das NETZWERK hier mit freundlicher Genehmigung der Autorin veröffentlicht.

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Wie sind Sie auf den Duke of Edinburgh’s Award aufmerksam geworden?

Es gab Anfang der 90-er Jahre mehrere Quellen, die alle mit meiner damaligen Tätigkeit als Leiter der Jugendfeuerwehr Baden-Württemberg zusammen hingen. Im Rahmen einer Grundsatzdiskussion haben wir festgestellt, dass die pädagogischen Leitlinien bei der Gründung der Deutschen Jugendfeuerwehr 1964 direkt auf Kurt Hahn Bezug nahmen. Bei der Vorbereitung des 20. Geburtstags der Jugendfeuerwehr Baden-Württemberg 1993 habe ich festgestellt, dass die Feuerwehr der Schule Schloss Salem, die 1947 gegründet worden war, die älteste Gruppe im Land ist. Auf der Didakta in Stuttgart begann dann fast zeitgleich mein Kontakt zu Outward Bound, wo wir 1993 die ersten Lehrgänge besuchten und zum ersten Mal in direkten Kontakt mit dem pädagogischen Ansatz von Kurt Hahn kamen.

Das war aber noch nicht das Jugendprogramm.

Nein, die heutigen Kurse bei Outward Bound haben leider nur noch wenig mit den ursprünglichen, am Jugendprogramm orientierten mehrwöchigen Standardkursen zu tun. Aber bei der Suche nach Literatur über Kurt Hahn bin ich dann Ende 1992 in dem bekannten Sammelband von Hermann Röhrs aus dem Jahre 1966 auf einen Aufsatz von Peter Carpenter über den Duke of Edinburgh’s Award gestoßen, von dem ich bis dahin noch nie etwas gehört hatte. Zusammen mit meinem Freund Roland Matzker gelang es, die Jugendfeuerwehr von diesem Programm zu überzeugen und wir wollten es, so wie wir es in der Literatur vorgefunden hatten, in unserem Jugendverband einsetzen. Beim Europaforum anlässlich des Landesfeuerwehrtages 1993 in Fellbach kam dann die große Überraschung: bei den dort erstmals in Deutschland vertretenen britischen Jugendfeuerwehren aus den West Midlands stand der „Duke of Edinburghs’s Award“ im Zentrum der Arbeit.

Damit war die „Insellösung“ vom Tisch und die Zusammenarbeit mit dem real existierenden Programm konnte beginnen.

Richtig. Danach ging alles Schlag auf Schlag. Ich bekam die Adresse des Koordinationsbüros in London und erhielt Informationsmaterial von dort. Auch die britische Botschaft in Bonn unterstützte mich bei meinen Recherchen. Noch im Herbst begann ich an der Realschule Osterburken mit der Arbeit, im Dezember 1993 fand in München mit Beteiligung von London das erste Treffen zur Gründung eines Trägervereins für das deutsche Programm statt.

Das seit 1996 als eigenständiges nationales Programm anerkannt ist. Das mit Ihrem Namen verbundene Projekt der Programmeinführung in Deutschland gelang. Warum sind alle früheren Ansätze gescheitert – selbst der Versuch Anfang der achtziger Jahre, als sich sogar das Bundespräsidialamt und die Arbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter dafür einsetzten?

In der „Szene“, vor allem bei den mächtigen Jugendverbänden, war die Zeit noch nicht reif für eine Pädagogik, für die Begriffe wie Herausforderung, individuelle Verbesserung und persönliche Leistung entscheidend sind und die mit so „primitiven“ Dingen wie Abzeichen in Bronze, Silber und Gold operiert. Obwohl Outward Bound schon sehr früh nach Deutschland gekommen war – die so genannte Erlebnispädagogik war damals noch nicht in Mode gekommen. Das Jugendprogramm selbst hatte damals seinen Siegeszug um die Welt erst begonnen und konnte deshalb hierzulande noch leicht als „typisch britisch“ abgetan werden. „Schön, aber für Deutschland nicht geeignet“, war oft zu hören. Letztlich entscheidend war aber, dass es kein wirkliches erfolgreiches Pilotprojekt gab, auf das man sich in der Diskussion hätte beziehen können. Der „Martinspass“ in Nürnberg war eine schlechte Karikatur auf das Programm, dessen Vertreter zudem eine äußerst sektiererische Vorgehensweise an den Tag legten. Das Projekt und dessen Vertreter waren einfach nicht glaubwürdig, und dagegen ist auch Paul Eymers*), der in Großbritannien Hahn und das Programm kennen gelernt hatte, trotz der Unterstützung aus London, vom Bundespräsidialamt und der Arbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter, nicht angekommen.

Warum gelang Ihr Versuch?

Ohne etwas von dieser Vorgeschichte zu wissen, war uns klar, dass wir ganz klein unten anfangen und die Qualität des Programms unter Beweis stellen mussten, dass wir uns auf Deutschland bezogen auf einen Marathon und keinen Sprint eingelassen hatten. Als langjähriger ehrenamtlicher Leiter eines großen Jugendverbandes hatte ich das notwendige Vertrauen in der Öffentlichkeit. Und nicht zuletzt hatte sich die Zeit geändert: Erlebnispädagogik, soweit das Auge reicht...

Was macht das Jugendprogramm für die Regelschule so attraktiv?

Mit dem Programm lässt sich über das lokale Aktivitätennetzwerk ein ganzheitlicher Bildungsanspruch realisieren, ohne alles selbst machen zu müssen, „Salem für alle“ irgendwie. Im Zentrum steht die Kooperation Schule – Verein, über die die Schule zu neuen Angeboten und die Vereine an neue Jugendliche kommen. Aus diesem Hintergrund sind auch die Unesco-Projektschulen zu uns gestoßen, mit denen es mittlerweile eine bundesweite Kooperation gibt.

Welche Hindernisse gibt es für das Programm an der Schule?

Die, die es überall gibt. Man braucht ein Team, das das Programm in der Einrichtung koordiniert. Wenn es eine überzeugte Lehrergruppe gibt, ist es kein Problem mehr, die Schulkonferenz zu überzeugen und das Programm in das Schulprofil aufzunehmen. Der zweite Knackpunkt ist die Expedition, da hier meist nur partiell Kooperationspartner zur Verfügung stehen. In Osterburken hat der Stadtjugendring, der aus dem Jugendprogramm entstanden ist, inzwischen für alle Schulen diese Aufgabe übernommen.

Ohne Preis kein Fleiß. Bekommen Lehrer für ihre Jugendprogrammarbeit eine Stundenermäßigung?

In der Regel ja – manchmal direkt, manchmal indirekt, selten gar nicht. Die ideale Promotion wäre es, wenn das Ministerium Schulen, die das Programm einführen, drei Wochenstunden zur Verfügung stellen würde.

Über die Unterstützung durch das Kultusministerium Baden-Württemberg können Sie sich aber nicht beklagen.

Nein, Baden-Württemberg ist da bundesweiter Spitzenreiter. Wir kooperieren mit dem Ministerium im Sonderschulbereich, konnten unlängst an der Staatlichen Akademie für Lehrerfortbildung in Donaueschingen unseren ersten Programmlehrgang durchführen und haben das Staatliche Schulamt Schwäbisch Gmünd als Programmanbieter.

Wie soll es weiter gehen?

Wir müssen weiter erfinderisch bleiben und neue Wege finden, das Programm an die Schulen zu bringen und dort zu verankern. Weitere Schulämter als Programmanbieter, weitere Kurse an den staatlichen Akademien, Schülermentoren im Bereich Jugendprogramm, Einbeziehung der SMV usw. Es ist noch ein langer Weg, der vor uns liegt, aber der Anfang ist gemacht. Das Wichtigste ist, dass die Verbreitung nicht auf Kosten der Qualität geschieht – ein gutes Programm spricht für sich selbst.

*) Damaliger Dezernent im Landesjugendamt in Oldenburg