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Gold-Expedition im Allgäu

Kajak, Klettern, Trekkingtouren. Süddeutsche und schottische Jugendliche gemeinsam im Allgäu

von Klaus Vogel

Textnummer: 147102

Erstellt am 2008/08/05, zuletzt geändert am 2008/09/02

Jugendliche aus Baden-Württemberg beteiligten sich in den Sommerferrien 1995 an einer zweiwöchigen Erlebnisfreizeit mit schottischen Partnern im Allgäu. Natursportarten wie Kajak, Klettern, Rafting und vor allem Trekkingtouren bereiteten großen Spaß, und ganz nebenbei wurden auch noch die Englischkenntnisse verbessert.

Jugendliche aus Baden-Württemberg beteiligten sich in den Sommerferrien 1995 an einer zweiwöchigen Erlebnisfreizeit mit schottischen Partnern im Allgäu. Natursportarten wie Kajak, Klettern, Rafting und vor allem Trekkingtouren bereiteten großen Spaß, und ganz nebenbei wurden auch noch die Englischkenntnisse verbessert.

Ungewöhnlich, aber umso erfolgreicher war ein auf deutscher Seite vom Jugendprogramm bzw. dessen Koordinationsbüro direkt betreutes und von „Jugend für Europa” gefördertes Begegnungsprojekt, an dem sich in den Sommerferien dreißig Jugendliche aus Schottland und Baden-Württemberg beteiligten:

  • Die „Freizeit“ war zu großen Teilen mit schweißtreibenden Aktivitäten verbunden, die für die Jugendlichen wirkliche Herausforderungen darstellten: Felsklettern und Abseilen, Kajak und Rafting und je nach Wahl bzw. Alter eine drei- oder viertägige Bergtour bildeten den Programmschwerpunkt.

  • Es gab kein fertiges Programm, das es einfach zu konsumieren galt. Gesamtrahmen und entscheidende Teile wie die Tour waren von den Jugendlichen selbst zu planen, das halbe Dutzend Betreuer war eher indirekt über das „setting“ als durch direkte Einflußnahme aktiv.

  • Für die Touren im „inhaltlichen” und die Begegnung im „methodischen” Bereich war vorab zu Hause ein umfang­reiches Vorbereitungsprogramm zu absolvieren.

  • Speziell für die deutschen Teilnehmer kam hinzu, dass die schottischen Partner über keine Deutschkenntnisse verfügten und sie die ganze Zeit englisch sprechen mussten.

Rahmenbedingungen, die – für Insider nicht überraschend – auf die Jugendlichen keinesfalls abschreckend wirkten, ganz im Gegenteil: es meldeten sich mehr Teilnehmer, als ursprünglich vorgesehen waren. Wichtig war für viele der beteiligen Jugendlichen die wegen der Förderung günstige Teilnehmergebühr. Da im fraglichen Altersbereich zahlreiche kostenträchtige Schulver­anstaltungen wie Landschulheimaufenthalte oder Studienfahrten anfallen und Ferienjobs immer rarer werden, hätten sie sonst nicht teilnehmen können.

Die Pilotmaßnahme war keine einmalige Aktion, sondern Teil eines langfristig angelegten Projekts des Jugendprogramms beider Länder, das im vergangenen Herbst durch ein Seminar auf Leiterebene in Schottland eröffnet worden war. Auf die Jugendfreizeit im Allgäu wird bereits Anfang November ein weiteres Leitertreffen in Bayern folgen, und für den Sommer '96 ausgeschriebene offene Begegnungsprojekte für Jugendliche in Bayern und Schottland herrscht auf Grund der unmittelbar nach Rückkehr der Jugendlichen eingesetzten Mund-zu-Mund-Propaganda bereits jetzt reger Andrang. Mit dem Angebot zentraler, offener und von ihm selbst organisierter Maßnahmen will der Trägerverein vor allem nichtorganisierten Jugendlichen interessante Betätigungsmöglichkeiten in den Programmteilen „Expeditionen” und „Projekt” bieten und seine umfangreichen internationalen Kontakte für neuartige Begegnungsmaßnahmen nutzen.

 

Förderung von Schlüsselqualifikationen…

Natursportliche Aktivitäten sind derzeit bei Jugendlichen sehr beliebt, da sie in einer von Medien beherrschten Welt Abenteuer und Erlebnisse aus erster Hand bieten; das Angebot von Maßnahmen in diesem Bereich gerade für unorganisierte Jugendliche kommt des­halb einem wichtigen Bedürfnis entgegen. Sie eröffnen, und das Nachtreffen bestätigt auch dies, für einen Teil der jungen Leute sogar auf Dauer neue Aktionsfelder – Klettern im Verein, eigenständige Organisation von Bergtouren usw. Die im Mittelpunkt des Projekts stehenden erlebnispädagogisch ausgerichteten „Expeditionen” – Mehrtagestouren, die nach Abschluss des Vorbereitungskurses von den Jugendlichen in kleinen Gruppen eigenständig zu planen und durchzuführen sind – dienten aber nicht zuletzt der Förderung von Schlüsselqualifikationen wie Gruppen- und Teamfähigkeit, Eigeninitiative und Entschlusskraft, Planungskompetenz und Leistungsbereitschaft und hatten in dieser Hinsicht auch eine durchaus „ernste” Komponente.

Abhängig von Alter und Vorbereitung waren entweder 48 Kilometer auf einer Dreitages- oder 80 Kilometer auf einer Viertagestour zu meistern. Proviant, Kochgeräte, Schlafsäcke und Zelte – alles musste von den kleinen, vier bis sieben Jugendliche umfassenden Gruppen bei ihrer Unternehmung selbst mitgeführt werden. Kein Betreuer oder Lehrer half bei der Orientierung: dafür hatte man ja beim Vorbereitungskurs wochenlang mit Karte und Kompass geübt und vor dem Start der Tour zwei Tage lang eine bis ins Detail gehende Routenplanung erstellt. Die Betreuer waren, das wusste man, für echte Notfälle zwar irgendwo im Gelände (den Umgang mit kleineren Problemen hatte man unter anderem bei einem Erste-Hilfe-Kurs gelernt), aber bis auf ein oder zwei kurze Treffen pro Tag hatte man nichts miteinander zu tun (wehe den Betreuern, die ich öfters zeigten…).

Zweifellos hatten die Touren auch ihre unangenehmen Seiten, die trotz aller räumlichen Distanz auch für die Betreuer immer wieder zu sehen sind. Aber es ist ja gerade diese „Problemhaltigkeit”, die sie als soziales und, wie im vorliegenden Fall, auch internationales Lernfeld so interessant macht. Wie immer waren die Rucksäcke – vor allem zu Beginn – sehr schwer, da die Vorbereitung eigentlich nie dazu ausreicht zu lernen, auf was man eigentlich alles verzichten kann. Wie immer machte Wetter nicht das, was die Jugendlichen wollten, sondern verhielt sich genau entgegengesetzt – pralle Hitze beim Aufstieg, Dauerregen, wenn man endlich oben war. Gründen, Hochgrat und Nebelhorn waren dann doch immer höher, als man sich das vorgestellt hatte, vor allem für die Mädchen aus Schottland, die bisher eher „hills” als „mountains” gewohnt waren. Drei bzw. vier Tage sind eine lange Zeit, aber man arbeitete und hielt zusammen und wurde so mit gelegentlichen Stimmungstiefs immer fertig.

 

… und interkulturellem Lernen

Naturunternehmungen der beschriebenen Art sind in Deutschland eher selten, obwohl sie und das zugrunde liegende erlebnispädagogische Arbeiten auf einen Deutschen, den Reformpädagogen und Salem-Gründer Kurt Hahn, zurückgehen. Im angelsächsischen Raum besteht dagegen eine jahrzehntelange große Tradition, und allein in Großbritannien sind jährlich etwa hunderttausend Jugendliche „on tour”. Neu aber auch für das Vereinigte Königreich und die schottische Partnerschule, die schon seit Jahren ins Allgäu kommt, war die Idee, die Naturaktivitäten für internationale Begegnung zu nutzen. Auch das EU-Förderprojekt „Jugend für Europa” ließ sich überzeugen und stellte für die Pilotmaßnahme einen größeren Geldbetrag bereit.

Die Natur ist ein optimaler Lehrmeister, weil sie Jugendliche vor Situationen stellt, in denen sie, wenn sie ihre Aufgabe erfolgreich erledigen wollen, gemeinam handeln müssen. Dies gilt natürlich auch, wenn die Gruppe wie im vorliegenden Fall aus Teilnehmern verschiedener Länder besteht. Im Unterschied zu vielen „Begegnungen”, die eher touristischen als pädagogischen Nutzen haben, ergibt sich hier aus der Situation die Notwendigkeit ständiger, intensiver Kommunikation und Kooperation. Aufgaben und Zeiten sind einzuteilen, Richtungen und Wege abzuklären, Lager auf- und abzubauen, Wasser zu finden und Mahlzeiten zuzubereiten usw. Und da die Gruppen wie es sein muss sehr klein waren, konnte sich keiner drücken, die Deutschen auch nicht vor der englischen Sprache.

Den Anfang in der Begegnung machten einfüh­ren­de erlebnispädagogische Übungen wie „Seilquadrat”, „Spinnennetz”, „Säureteich”, die nebenbei natürlich auch einen hohen Spiel- und Unterhaltungswert hatten. Aber auch die eher „klassischen” Begegnungsaktivitäten kamen nicht zu kurz und sorgten insgesamt für ein ausgewogenes Programm. Bis auf die Zeit „on tour” gab man sich in kleineren oder größeren Gruppen täglich dem Badespaß im nahe gelegenen Albsee hin und machte abendliche Streifzüge durch Immenstadt. Im Haus wurde gespielt, mit regelrechten Tischtennis- und Jenga-Turnieren, und natürlich auf den Buden nächtelang gequatscht. Kaum ein Abend, an dem nicht in der Küche badische oder schottische Spezialitäten zubereitet wurden, die, gelungen oder nicht, immer restlos verzehrt wurden.

Unerwartete Highlights auch in Sachen „Begegnung” waren die Abschlussfeier am zweitletzten Abend und der Münchenausflug am letzten Tag. Die Feier war, was bei der ursprünglichen Planung nicht bekannt war, gleichzeitig die Geburtstagsparty für eines der schottischen Mädchen. Für viele deutsche Jugendliche war es eine völlig neue Erfahrung, welchen Aufwand Briten und speziell Schotten bei solch einem Anlass treiben. Lernfähig, wie man in dem Alter nun einmal ist, hatte man keine Probleme, sich auch hier voll einzubringen. Am nächsten Tag waren es dann die Schotten, die von der Großstadt München beeindruckt waren. Obwohl es fast zwei Wochen anders ausgesehen hatte – die Deutschen hatten recht behalten, Bayern hatte mehr zu bieten als Berge und Naturerfahrung. Eine Aktion, die eigentlichen einen eigenen Bericht verdient, war die An- und Rückreise nach München per Wochenendticket. Aber weder das für die Schotten ungewohnte Gedrängel beim Ein- und Aussteigen noch das stundenlange Stehen in den hoffnungslos überfüllten Zügen konnte der Hochstimmung nach erfolgreichem Abschluss des Projekts etwas anhaben, ganz im Gegenteil.

 

Der lange Weg zur Gruppe

Die von den Jugendlichen in der Schlussreflexion, aber auch in den Einzelinterviews und zahllosen Gesprächen gezogene sehr positive Schlussbilanz darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Weg zur Bildung einer Gruppe, die diesen Namen auch wirklich verdient, mühsamer war, als sich dies Betreuer und Jugendliche vorgestellt hatten. Zwar funktionierten die gleich zu Anfang zusammengestellten „Expeditionen-Teams” sehr schnell hervorragend, aber die Großgruppe brauchte doch einige zusätzliche Hilfestellung. Keinerlei Rolle spielte hierbei die Sprache, die Englischkenntnisse der Deutschen waren weit besser, als angenommen (ein Lob dem Englischunterricht!), und ein paar der schottischen Mädchen sprachen hervorragend deutsch (wie übrigens auch die Leiterin, die von Beruf Deutschlehrerin ist); die „andere“ Küche war ebenfalls kein Problem (s.o.). Auch die unterschiedliche Zusammensetzung der beiden Gruppen – auf schottischer Seite fast nur Mädchen mit großstädtischem Hintergrund, auf „badischer” eher eine ländliche Mischung – wirkte sich eher belebend aus. Schwierigkeiten bereiteten eher simple organisatorische Mängel, die auszubügeln waren, wie mangelnde Rückzugsmöglichkeiten für Jugendliche wie Betreuer in der Unterkunft, die sich gerade wegen der starken Teamorientierung des Programms sehr schnell als bedeutsam herausstellten, oder die zunächst nicht fest im Zeitplan aufgeführten Leiterrunden.

Ohne Zweifel enthielt der „Programmbaukasten”, mit dem die Jugendlichen dann den endgültigen Ablauf selbst zusammenzimmerten, zu wenig Hinweise zu der Bedeutung von Projekte in der Großgruppe gleich zu Beginn. Ob Ausflugsfahrt, Indiakaturnier oder New Games – beim nächsten Mal wird hier bestimmt mehr laufen müssen. Aber auch in den Teams gab es für die Zukunft bedenkenswerte Unterschiede. Die Zusammenarbeit gelang dort am besten, wo die Zusammensetzung sehr ungleich war – ein oder zwei Teilnehmer aus dem einen Land, vier oder fünf aus dem anderen. Untergruppenbildung nach Ländergrenzen, die es in den anderen Teams zumindest anfangs zeitweilig zu beobachten war, gab hier nicht.

Von den Jugendlichen moniert wurde ein vermutlich strukturelles Problem, das für die deutschen Leiter, die allesamt über beträchtliche internationale Vorerfahrungen verfügten, in dieser Form völlig neu war. Bereits vom zweiten Tag an mokierten sich zunehmend mehr schottische Mädchen über das angeblich „zu distanzierte” Verhältnis ihrer Leiter zu ihnen, das sie dem nach ihrer Sicht eher „offenen” Verhältnis der Deutschen gegenüberstellten. Nachdem die immer nur im kleinen Kreis geäußerten Bemerkungen zunächst übergangen bzw. in die Schublade „Höflichkeiten / Komplimente” abgetan worden waren, blieb schließlich nichts anderes übrig, als das Problem zum Thema in der Leiterrunde zu machen, unter der Fragestellung „Haben die deutschen Leiter zu wenig Distanz zu den Jugendlichen?”. Und siehe da, auch die schottischen Leiter hatten ihre Probleme damit, dass z.B. die deutschen Teamer zunächst nur von den deutschen Jugendlichen, dann aber sehr schnell auch von den schottischen nicht mit „Herr” oder „Frau” angeredet und (natürlich nur, wenn deutsch gesprochen wurde) geduzt wurden. Oder damit, dass man als Leiter abends öfters von einer Gruppe schottischer Jugendlicher umgeben war. Das Gespräch brachte zwar keine Änderung, aber deutliche „Entspannung” und war der erste wirkliche Schritt in Richtung gemeinsames Betreuerteam.

 

Perspektiven

Das Nachtreffen, das die deutschen Jugendlichen und Betreuer vier Wochen nach der Maßnahme durchführten und bei dem neben Fotos vor allem nochmals Erfahrungen ausgetauscht wurden, bestätigte den positiven Eindruck der gemeinsamen Abschlussreflexion in Altmummen. Interessanterweise waren die wenigen Punkte, die dort teilweise noch eher kritisch gesehen worden waren, in der kurzen Zeit bereits völlig vergessen worden, eine differenzierte Rückschau war nur mit großen Hilfen möglich – Friede, Freude, Eierkuchen. Zufriedenheit bei den Jugendlichen und berechtigter Stolz auf das Geleistete bei den Leitern durften aber den Blick nicht verstellen auf das, was beim nächsten Mal vielleicht noch eine Spur besser gemacht werden kann.

Mit einiger Nachhilfe kam dann doch ein ansehnlicher Katalog zusammen:

  • Soweit möglich sollten die Betreuer aus beiden Ländern mit den Jugendlichen gleich umgehen. Der in Altmummen gemachte Vorschlag eines schottischen Mädchens, die Projekte in Zukunft von Betreuern nur aus dem Gastgeberland leiten zu lassen, wurde aber einmütig abgelehnt. Das Novemberseminar mit den schottischen Leitern ist jedenfalls um ein Thema reicher…

  • Trotz der damit verbundenen Kosten empfahlen Jugendliche wie Leiter ein Vor-Ort-Treffen aller Betreuer rechtzeitig vor Beginn der Maßnahme; man wird sehen, inwieweit sich dies im nächsten Jahr realisieren lässt.

  • Obwohl ebenfalls mit mehr Kosten verbunden, sollten in Zukunft für ein derart intensives Programm noch mehr Betreuer zur Verfügung stehen. „Wunschrelation” ist ein Betreuer pro vier Jugendliche, wenn selbst gekocht werden soll, muss das Team sogar noch größer sein.

  • Bei aller Orientierung auf die Outdoor-Programmpunkte dürfen bei der Planung und vorbereitenden Prüfung die Arbeitsbedingungen in der Unterkunft nicht zu weit nach hinten auf der Prioritätenliste geraten, Jugendliche wie Betreuer brauchen z.B. geeignete „Rückzugsräume”.

  • Auch bei den Fahrzeugen sollte „nachgebessert” werden, Transportmöglichkeiten in Form von Minibussen müssen eigentlich ständig für alle Teilnehmer vorhanden sein.

  • Die Jugendlichen wollen für die Touren mehr „Planungssicherheit”. Geeignete Landstriche im Allgäu sind noch genauer zu definieren, sie dürfen insbesondere weder durch Wege oder gar Straßen zu stark erschlossen sein, noch dürfen sie in durchgängig schwieriges alpines Gelände beinhalten.

Nach den vielen Gesprächen mit ihren neuen schottischen Freunden sind alle deutschen Teilnehmer neugierig und gespannt, wie realistisch ihr in zwei schönen Wochen gewonnenes Schottland-Bild ist. Sie wissen, dass es möglicherweise ebenso korrekturbedürftig ist wie das Deutschland- und Bayernbild, das die Schotten mitgebracht hatten und im Verlauf der Begeg­nung immer mehr korrigieren mussten, und freuen sich alle auf entsprechende „Lektionen” im nächsten Jahr in den Highlands am Loch Tay.

NETZWERK 4/1995