Vogel: „ Ein Lehrgang DER und nicht nur FÜR DIE Teilnehmer“
von der NETZWERK-Redaktion
Textnummer: 623204
Erstellt am 2007/07/14, zuletzt geändert am 2008/09/02
Aus Anlass des 50. Programmlehrgangs sprach die NETZWERK-Redaktion mit Klaus Vogel, der als damaliger Leiter der Jugendfeuerwehr Baden-Württemberg im Februar 1994 den ersten Programmlehrgang in Deutschland organisierte und zusammen mit Shirley Price leitete.
Aus Anlass des 50. Programmlehrgangs sprach die NETZWERK-Redaktion mit Klaus Vogel, der als damaliger Leiter der Jugendfeuerwehr Baden-Württemberg im Februar 1994 den ersten Programmlehrgang in Deutschland organisierte und zusammen mit Shirley Price leitete.
Wie fühlt sich der Leiter am Ende des 50. Programmlehrgangs?
Vor allem zufrieden! Die Arbeit im Team mit Marita und Ralf hat großen Spaß gemacht, der Kurs ist sehr gut angekommen und der Programmlehrgang scheint insgesamt etabliert und auf der Höhe der Zeit zu sein. Außerdem bin ich natürlich dankbar all denen gegenüber, die mit ihrer Unterstützung das Jubiläum überhaupt erst ermöglich gemacht haben – Schule, Mitstreiter im Verein, Ausrichter, Förderinstanzen und nicht zuletzt meine Familie.
Die Arbeit, die in die stetige Weiterentwicklung investiert wird, zahlt sich also aus.
Ja, auch hier gilt: je mehr man gibt, desto mehr bekommt man zurück! Durch die in den letzten Jahren deutlich gestiegene Kurszahl haben wir überhaupt erst die Chance zur systematischen Qualitätsverbesserung erhalten. Bei nur einem oder zwei Lehrgängen pro Jahr geht das schlecht.
An 47 der 50 Lehrgänge warst du die ganze Zeit selbst dabei, beim Kombikurs in München zeitweise. Eine ganze Menge!
Aber doch ein Klacks gegenüber dem, was ich bei der Jugendfeuerwehr von der Lehrgangsarbeit gewohnt war! Seit Februar 1994 ist auch eine ganze Menge Zeit vergangen, im Schnitt waren es vielleicht vier Programmlehrgänge pro Jahr.
Auch sechs Programmlehrgänge, zwei Expeditionslehrgänge, ein Leitungslehrgang und drei Anbietertagungen wie jetzt in nur einem halben Jahr sind dir nicht zuviel?
Vieles ist leichter geworden. Sechs der zwölf Termine und vier der sechs Programmlehrgänge fanden hier in der Alten Bahnmeisterei statt. Durch das neue Handbuch ist außerdem die Vorbereitung des Programmlehrgangs deutlich kürzer worden, durch die Reduzierung auf eine Übernachtung auch die Durchführung. Nicht zuletzt hat das Internet auch die Lehrgangsverwaltung drastisch vereinfacht.
Es finden aber inzwischen aber auch mehr andere Lehrgänge statt.
Da bin ich mir gar nicht so sicher. Zwar kommen endlich auch Expeditions- und Leitungslehrgänge regelmäßig zustande und die auf einen halben Tag verkürzte Anbietertagung ist nach dem Programmlehrgang das zweithäufigste Angebot. Dafür haben wir alles andere nahezu vollständig aus dem Programm genommen, in der Sommerschule einiges konzentriert und das Bundesforum im Wesentlichen auf die jährliche zentrale Anbietertagung reduziert.
Lieber weniger, aber besser?
Richtig.
Was wurde gestrichen?
Fachlehrgänge, z.B. zu Jugendförderung, Öffentlichkeitsarbeit oder Rechtsfragen, finden zum Beispiel überhaupt nicht mehr statt, da die Fragestellungen in den Leitungslehrgang integriert wurden.
Wenn die Nachfrage aber weiterhin steigt, werden aber sicher irgendwann Grenzen erreicht werden.
Da ist aber noch sehr viel Luft! Selbst beim Programmlehrgang müssen immer wieder ausgeschriebene Kurse abgesagt werden und nur bei einem Teil wird die maximale Teilnehmerzahl erreicht. Mit jährlich je zehn Programm- und Aufbaulehrgängen und fünf Anbietertagungen können wir auch 100 Programmanbieter und 200 Anbieterstellen bedienen.
Du hast gesagt, „endlich“ kommen auch Expeditions- und Leitungslehrgänge regelmäßig zustande. 50 Programmlehrgänge alleine wären für dich kein Grund zum Feiern?
Ich freue mich natürlich sehr über die gute Verfassung des Programmlehrgangs. Genauso wichtig ist aber, dass inzwischen auch seine Geschwister auf einem guten Weg sind. Der Programmlehrgang ist nicht mehr das Mädchen für alles, sondern kann ganz er selbst sein.
Was genau?
Die Einführung in Philosophie und System des Internationalen Jugendprogramms, die Verantwortliche von Anbieterstellen in Verbindung mit dem Handbuch für ihre Arbeit benötigen.
Da der Programmlehrgang im Rahmen einer Gesamtkonzeption entstanden ist, die auch schon Expeditions- und Leitungslehrgang umfasste, hatte er diese Selbstbeschränkung eigentlich doch von Anfang an.
In der Theorie, ja. Während der Expeditionslehrgang tatsächlich auch schon 1994 das Licht der Welt erblickte, wurde der erste Leitungslehrgang erst im Jahr 2000 durchgeführt. Regelmäßige Kurse gibt es sogar erst seit 2005.
Warum die Verzögerung?
Die Idee war anfangs, das Planspiel von einer Firma entwickelt zu lassen – dazu hatten wir bis zur BMW-Förderung definitiv keine Mittel. Als wir dann Anfang 1999 erste Zahlen dazu einholten, ließen wir ganz schnell die Hände davon und entwickelten ein Übergangskonzept, das im Oktober 2000 in Barmstedt erstmals zum Tragen kam.
Bis zur Aufnahme des Dauerbetriebes sollte dann noch einmal viel Zeit vergehen.
Gleichzeitig begann die Nachfrage nach den Programmlehrgängen zu steigen und wir stellten einen verstärkten Ausbildungsbedarf in Bezug auf den Programmteil Expeditionen fest. Bei den Aufbaulehrgängen stand deshalb erneut der Expeditionslehrgang im Brennpunkt.
Motto „Keine Anbieterstelle ohne Expeditionslehrgang.“
Ja – und ich wäre glücklich, wenn wir dieses Ziel enigstens auf der Ebene der Programmanbieter irgendwann erreicht hätten.
Im Dezember 2002 wurde mit den Renovierungsarbeiten in der Alten Bahnmeisterei das bisher aufwendigste Lehrgangsprojekt gestartet.
Dass der Jubiläumskurs bereits der zehnte Programmlehrgang in unserer Bildungsstätte war und wir ein Doppeljubiläum feiern konnten, freut mich genauso sehr wie die gute Entwicklung der Lehrgänge. Unglaublich, wie schnell die Arbeit von Thomas, Rainer und allen Bauhelfern so so gute Früchte getragen hat!
Die Alte Bahnmeisterei hat in weniger als zwei Jahren den Spitzenplatz bei den Austragungsorten erobert, Donaueschingen ist auf Platz 2 bereits weit abgeschlagen. Jeder zweite Programmlehrgang findet hier statt.
Das gilt bei den anderen Lehrgängen fast noch mehr und ist auch gut so, da wir hier ganz einfach die besten Bedingungen haben.
Die Teilnehmer kommen deshalb nicht nur aus Baden-Württemberg, sondern auch aus Bayern, Bremen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen, Schleswig-Holstein und Thüringen sowie aus Polen, der Schweiz und der Tschechischen Republik. Was ist denn hier so besonders?
Im Unterschied zu den Lehrgängen vor Ort können wir hier nicht nur für die Ausbilder, sondern auch für die Technik garantieren. Der Programmlehrgang ist – wie alle Kurse – zum Beispiel ohne unmittelbaren Zugang zu einem guten Kopiergerät überhaupt nicht machbar und die Alte Bahnmeisterei hat das einfach. Oder die Miniexpedition: bei uns beginnt das Bronze- und Silberexpeditionsgebiet vor der Haustür. Für den Expeditionslehrgang stehen uns zum Üben außerdem jederzeit örtliche Teilnehmergruppen zur Verfügung und für das Planspiel haben wir das PC-Netzwerk mit Internet im ganzen Haus.
Kommen die in Osterburken geplanten Programmlehrgänge immer zustande?
Es sieht so aus. Obwohl die Nachfrage deutlich gestiegen ist, sind wir bei Expeditions- und Leitungslehrgängen aber leider noch so weit.
Warum?
Beim Leitungslehrgang machen wir uns durch die Option des Kombikurses bis zum Jahresende ja noch selbst Konkurrenz. Außerdem findet in Baden-Württemberg das Wachstum vor allem über neue Anbieterstellen im Rahmen vorhandener Lizenzen statt, die ja gar nicht teilnehmen müssen.
Und beim Expeditionslehrgang?
Dieser ist wie der darauf aufbauende Gutacherlehrgang ja nur für die noch wenigen Anbieter auf der Goldstufe Pflicht. Wir haben in diesem Jahr aber schon zwei Lehrgänge durchgeführt und werden die kritische Masse bei der Nachfrage, ab der ausgeschriebene Kurse in der Regel auch zustande kommen, vermutlich im nächsten Jahr erreichen.
Du hast darauf hingewiesen, wie wichtig die Entwicklung des Programmlehrgangs ist. Was war die erste Änderung an der Konzeption, was die letzte?
Erste große Neuerung war 1996 die Miniexpedition. Zuletzt haben wir 2005 die Präsentation der Programminhalte durch die Teilnehmer selbst sowie die Erstellung einer Grundkonzeption über das „Jugendprogramm-Haus“ eingeführt.
Was hat sich noch geändert?
Die Teilnehmer haben durch unsere Website und die bessere Verbreitung des Programms erheblich umfangreichere Vorkenntnisse. Es kommt deshalb inzwischen viel mehr darauf an, Dinge klarzustellen und Zusammenhänge zu verdeutlichen als Grundkenntnisse zu vermitteln.
Und die Dauer?
Die ist seit letztem Jahr wieder wie 1994: 12,5 Stunden, eine Übernachtung.
Was ist geblieben?
Mit Zielsetzung, methodischer Ausrichtung, Gliederung und sogar vielen Einzelübungen ist der Kern unverändert. Und wie schon zu Beginn steht das Handbuch wieder im Mittelpunkt.
Wo kann auch der beste Programmlehrgang nicht helfen? Wo sind die Grenzen dieser Art von Hilfestellung?
Viele Einzelfragen ergeben sich erst in der Praxis und lassen sich besser durch ein Gespräch als über ein weiteres Seminar beantworten – das Lehrgangs- muss durch ein Beratungssystem flankiert werden. Aber auch die beste Beratung kann keinen daran hindern, das Programm zu verbiegen, immer nur das Minimum zu verlangen, Fitnessaktivitäten als Talente zu verkaufen oder bei einer Expedition einen gemütlichen Abend am Lagerfeuer durchzuführen.
Wie hat sich der Programmlehrgang insgesamt methodisch entwickelt?
Er ist mehr denn je ein Lehrgang DER und nicht nur FÜR DIE Teilnehmer. Die Lehrgangsmappe, in der die Teilnehmer ihre Arbeiten Schwarz auf Weiß mit nach Hause nehmen, ist deutlicher Ausdruck dieses Projektcharakters. Wir sind damit methodisch so nahe am Programm wie noch nie!
Dafür ist Multimedia auf dem Rückzug, statt PowerPoint gibt es handgemachte Folien, das Internet spielt keine Rolle mehr.
Klassische Folien lassen sich eben leichter in der Gruppe erstellen und im Unterschied zu Flipcharts auch kopieren und in die Lehrgangsmappe übernehmen. Die Website wird nicht mehr behandelt, da sie die Teilnehmer über die Kursinformation in der Regel bereits hinreichend kennen. Dafür sind PC und Internet beim Planspiel durchgängig im Einsatz.
Wo sind die Grenzen der Teilnehmerausrichtung, d.h. an welchen Stellen bleibt der Input durch die Lehrgangsleitung wichtig?
Zentral ist die Eingangspräsentation. Außerdem sind die Einführungen in die großen Übungen Miniexpedition und Jugendprogramm-Haus sehr wichtig.
Was ist der Preis für die Reduzierung der Stundenzahl?
Wir müssen seither viel exakter mit der Zeit haushalten – die Miniexpedition hat praktisch im Seminarraum zu beginnen, die aktivierenden Seminarspiele sind ebenso wie der Spielekoffer endgültig verschwunden. Und mit der zweiten Übernachtung fehlt auch der abschließende Seminarabend.
Trotzdem hat sich die Änderung bewährt?
Auf jeden Fall! Möglichkeit zum informellen Austausch bieten zum Beispiel auch die beiden Aufbaulehrgänge und mit der zentralen Anbietertagung in der Alten Bahnmeisterei haben wir ja sogar wieder einen jährlichen „Seminarabend für alle“ geschaffen.
Was ist die größte Stärke des Programmlehrgangs?
Dass er das hält, was er verspricht.
Und die größte Schwäche?
Dass es noch zu wenige Anbieterstellen mit „Best Practise“ auf allen Programmstufen gibt und der Verweis auf entsprechende Praxisbeispiele beim Lehrgang deshalb nur eingeschränkt möglich ist.
Wie wird es beim Programmlehrgang weitergehen?
Die beiden wichtigsten Unterlagen, Einführung und Handbuch, werden nicht mehr im Koordinationsbüro sondern in der Druckerei erstellt werden und so die Vorbereitung weiter erleichtern. Nach dem Vorbild des Begleithefts soll das Portfolio noch viel stärker in den Lehrgang einfließen. Wir werden außerdem an der Binnendifferenzierung, mit der wir beim Kombikurs gute Erfahrungen gemacht haben, weiterarbeiten – zum Beispiel in Richtung Goldteilnehmer, Schülermentoren, neue Verantwortliche alter Anbieterstellen usw.
Seit dem Lehrgang in Hannover Zeit gibt es sogar eine englischsprachige Version...
...dessen Unterlagen inzwischen auch bei vielen deutschen Lehrgängen zum Einsatz kommen – wie gerade beim Jubiläumskurs.
Du hast deinen persönlichen Einsatz für den Programmlehrgang zwar relativiert, beachtlich ist er trotzdem – vor allem, wenn man weiß, was du sonst noch so alles machst. Wie schaffst du das?
Wie überall hat das Lernen beim Programmlehrgang zwei Richtungen: nicht nur die Kursteilnehmer erfahren wichtige Dinge, sondern auch die Lehrgangsleitung. Die Vermittlung des Programms macht mir großen Spaß, von der Rückmeldung der Teilnehmer lebt unsere ganze Arbeit als Herausgeber.
Willst du beim 100. Programmlehrgang immer noch aktiv dabei sein?
Wenn ich dann immer noch in der Verantwortung stehe, sehr gerne.
