Michael Knoll: Kurt Hahn – Reform mit Augenmaß
von der NETZWERK-Redaktion
Textnummer: 027800
Erstellt am 2011/05/07, zuletzt geändert am 2011/05/07, begonnen am 2001/12/16
Die Schriften des Jugendprogramm-Erfinder Kurt Hahn sind in den Archiven nur schwer zugänglich. Umso wichtiger ist der von Michael Knoll herausgegebene Sammelband, der seit dem Erscheinen 1998 fester Bestandteil des Jugendprogramm-Bücherkoffers ist.
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Die Schriften des Jugendprogramm-Erfinder Kurt Hahn sind in den Archiven nur schwer zugänglich. Umso wichtiger ist der von Michael Knoll herausgegebene Sammelband, der seit dem Erscheinen 1998 fester Bestandteil des Jugendprogramm-Bücherkoffers ist.
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Kaum jemand, so sagt man, konnte sich seinem Charme und seiner Herzlichkeit entziehen – Kurt Hahn (1886-1974) gehörte zu den faszinierenden Persönlichkeiten seiner Zeit. Als Jude und Christ, Deutscher und Engländer, Politiker und Pädagoge war er eine Ausnahmeerscheinung, ein Wanderer zwischen den Welten, der das Ohr von Staatsmännern, Industriellen, Militärs, Wissenschaftlern gewann, um mit List und Leidenschaft für seine politischen Ideen und pädagogischen Pläne zu kämpfen.
In Berlin als Sohn eines Röhrenfabrikanten geboren, studierte Hahn in Oxford, Göttingen und Heidelberg Philosophie, Philologie und Pädagogik, um in der Nachfolge von Hermann Lietz Lehrer und Leiter eines Landerziehungsheims zu werden. Doch der Erste Weltkrieg machte diese Pläne erst einmal zunichte. Wegen mehrerer Kopfoperationen nicht kriegstauglich trat Hahn 1914 als Englandexperte in die „Zentralstelle für Auslandsdienst“ ein und analysierte die Presse und durch sie die politische Stimmung im Lager des Feindes. Die Zentralstelle brachte ihn mit führenden Politikern der Kaiserzeit in Kontakt, die er für eine würdevolle Beendigung des Krieges und eine besonnene Demokratisierung des Reiches zu gewinnen suchte, was ihm in erstaunlichem Maße auch gelang. Schon in jungen Jahren war er politischer Berater von General Ludendorff und der Obersten Heeresleitung, von Reichskanzler Prinz Max von Baden, Kolonialminister Solf und Außenminister Brockdorff-Rantzau, für die er – etwa auf den Friedenskonferenzen in Den Haag und Versailles – wichtige Denkschriften und Reden verfasste.
Kurt Hahn besaß nicht nur ein ausgeprägtes politisches Bewußtsein, er hatte auch ein außergewöhnliches organisatorisches Talent. Nach dem Ersten Weltkrieg war er Initiator und Mitbegründer der „Heidelberger Vereinigung“ und des Hamburger „Instituts für auswärtige Angelegenheiten“, die sich für Völkerverständigung und internationalen Ausgleich einsetzten. Vor allem aber wandte er sich der Pädagogik zu und verwirklichte seinen Jugendtraum. Zusammen mit seinem früheren Chef, Prinz Max von Baden, gründete er die Schule Schloss Salem. Vom Bodensee und von Schottland aus, wohin er nach der nationalsozialistischen Machtergreifung emigrierte, schuf er in vier Jahrzehnten eine internationale Erziehungsrepublik, die ihresgleichen nicht hat. Heute erstreckt sie sich über fünf Kontinente und reicht von weltberühmten Internaten wie Salem und Gordonstoun über die Outward Bound Schools bis zu den United World Colleges – insgesamt 60 Schulen und Einrichtungen, an deren Programmen und Aktivitäten jedes Jahr weltweit Zehntausende von Jungen und Mädchen teilnehmen. Für das Jugendprogramm hat Kurt Hahn eine besondere Bedeutung. Er war es schließlich, der die „moderne“ Erlebnispädagogik entwickelte, den „Duke of Edinburgh‘s Award“” ins Leben rief und damit das Vorbild hervorbrachte, das dem Programm zugrunde liegt.
Im Mittelpunkt der Hahnschen Pädagogik steht der Gedanke, daß die Heranwachsenden ihre „grande passion“ entdecken und Erfahrungen machen sollen, die zu den in der Lern- und Wissensschule vernachlässigten Grundbedürfnissen gehören. Körperliches Training, Projektarbeit, Expedition und der Dienst am Nächsten sind die vier Elemente der von ihm entwickelten „Erlebnistherapie“. Sie bieten Möglichkeiten des sozialen Lernens für und an der Gesellschaft von großer Attraktivität und Entfaltungskraft. Vor allem bei den Diensten: bei Seenotrettung, Feuerwehr, Rotem Kreuz, Technischem Hilfswerk, Umwelt- und Sozialarbeit – können die Jugendlichen in herausfordernden und mitunter gefährlichen Situationen ihre Intelligenz und Phantasie unter Beweis stellen und hautnah erleben, daß Einsatz und Engagement ihren eigenen Lohn haben und daß die Grenzen ihrer Lern- und Leistungsfähigkeit viel weiter gesteckt sind, als andere denken und sie selbst glauben. Manche Form der explorativen Kriminalität, der experimentellen Drogennahme und asozialen Gemeinschaftsbildung mag sich dadurch erübrigen. Im Kern ist Hahns Erziehungsphilosophie eine Philosophie des „reinlichen Abenteuers“ und der „aktiven Humanität“. Mit der Idee der „Erlebnistherapie“, die bis heute das Besondere aller seiner Erziehungseinrichtungen ausmacht, hat Kurt Hahn einen unschätzbaren Beitrag zur Sozial- und Friedenserziehung, aber auch zur Heim- und Freizeitpädagogik geleistet, zumal er – im Gegensatz zu den meisten Reformpädagogen seiner Generation – nicht das Kind ins Zentrum der erzieherischen Bemühung stellt, sondern den Jugendlichen, der in den schwierigen Pubertäts- und Wachstumsjahren der besonderen Sorge und Betreuung bedarf.
Bisher waren die Schriften von Kurt Hahn kaum zugänglich. Sie schlummerten in den Archiven zwischen Berlin, London und Washington oder konnten – weil seit langem vergriffen – nur in Büchereien und Bibliotheken eingesehen werden. Unter dem Titel „Reform mit Augenmaß“ ist jetzt ein Band erschienen, der Hahns wichtigste Reden, Aufsätze, Briefe zur Politik des Kaiserreichs und des Nationalsozialismus, aber auch zur Verantwortungs- und Erlebnispädagogik enthält. Der Herausgeber, Michael Knoll, war lange Jahre Lehrer in Salem und Erziehungswissenschaftler in Bayreuth, nun leitet er das Internat und Landerziehungsheim Schloß-Schule Kirchberg an der Jagst. Für Anhänger der Reformpädagogik und des Jugendprogramms bietet der Band zahlreiche Hinweise und wertvolle Anregungen – zur Konzeption, zur Geschichte, zur weiteren Entwicklung. Zugleich vermittelt er ein farbiges, nuancenreiches Bild vom Leben und Wirken eines aufrechten Humanisten und wahren Patrioten. „Wer Kurt Hahn nicht kennt, lernt ihn hier kennen, wer ihn verehrt und bewundert, wird es hiernach noch mehr tun“ (Hartmut v. Hentig im Vorwort).
Hahn, Kurt: Reform mit Augenmaß. Ausgewählte Schriften eines Politikers und Pädagogen. Herausgegeben von Michael Knoll. Mit einem Vorwort von Hartmut von Hentig. XV, 389 S. Stuttgart: Klett-Cotta 1998.
