Die Odenwälder Ochsentour, ein Drama in fünf Akten. 5. Akt: Auferstanden aus Ruinen...
von Karsten Vogel
Textnummer: 685100
Erstellt am 2009/11/10, zuletzt geändert am 2009/12/23
Karsten Vogel widmete der deutsch-schweizerischen Gold-Probetour, die im Rahmen von „Odenwald 2009“ durchgeführt wurde, eine ganze Artikelserie. Der „5. Akt“ beschäftigt sich mit letzten Tag der viertägigen „Ochsentour“.
von Karsten Vogel
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Karsten Vogel widmete der deutsch-schweizerischen Gold-Probetour, die im Rahmen von „Odenwald 2009“ durchgeführt wurde, eine ganze Artikelserie. Der „5. Akt“ beschäftigt sich mit letzten Tag der viertägigen „Ochsentour“.
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Samstag, das große Finale der Tour. Trotz Eiseskälte in der Nacht fühle ich mich nach dem Aufwachen noch mal um einiges besser als gestern – trotz riesiger „Blodere“ an den Füßen praktisch schmerzfrei. Der Erholungstag hat uns scheinbar allen gut getan, Prisca und Fabienne können nämlich ähnliches vermelden. Auch Sorgenkind Oli verkündet zur allgemeinen Erleichterung leichte Besserung, ist aber, was die Tagesprognose angeht, merkwürdig verhalten. Ob er was verschweigt?
Jetzt wird jedenfalls erstmal gefrühstückt! Wir haben ein Problem – da ich einigermaßen spontan zur Gruppe gestoßen bin, sind wir mit unseren – aus der Schweiz mitgebrachten – Lebensmittelvorräten etwas in der Schieflage: Nudeln, Obst und Brot sind alle, dafür gibt's noch reichlich (nicht mehr ganz frische) Wurst, Parmesan, Gänseleberbrotaufstrich (uääh...ist das in Deutschland überhaupt erlaubt?), Studentenfutter und Schoggi. Das ergibt einige interessante und kulinarisch hochexplosive Geschmackskombinationen, um es positiv zu formulieren...bevor es mit der Tour weitergeht, bedanken wir uns nochmals bei unseren „zwei Engeln“, machen dabei auch eifrig Werbung für das Jugendprogramm (der Sohnemann geht in Buchen auf die Schule) und bekommen am Ende sogar ein paar Dosenwürste mit auf den Weg! Wehmütig nehmen wir Abschied von unserem Paradies am Roßhof – und weiter geht’s!
Die Sonne bringt bald die Wärme zurück in unsere Knochen. Eigentlich könnten wir jetzt munter der Heimat des Grünkerns entgegenpfeifen – gäbe es nicht ein neues Problem. Oli kommt kaum noch hinterher. Er ist kurz vor der Verzweiflung: „I kcha doch nit am lädschde dag abbreche!“ Seine Schmerzen haben scheinbar über Nacht doch zugenommen und lassen ihn jetzt nicht mehr los. Auf Nachfrage meint er zwar immer, dass es schon noch gehen muss, aber sein Gesicht spricht eine andere Sprache. Falls wir beim Frühstück noch von einer raschen Heimkehr geträumt haben, kehrt jetzt Ernüchterung ein. Für die Schweizer ist das ein größeres Problem als für mich, schließlich haben sie von Anfang an darauf spekuliert, Samstagabends schon wieder im Röseren zu sein. Daraus wird wohl nichts! Das andere Problem ist, dass wir für unsere Zielsetzung eigentlich noch ein paar Aufnahmen von römischen Ruinen machen wollten. Heute werden wir mehrere Wachtürme, eine Siedlung und ein Aquädukt streifen, diesmal Überreste des Obergermanisch-Raetischen Limes – wenn denn alles glatt geht. Aber warum auch nicht? Wir verlassen allmählich den Odenwald, ich bin jetzt fast in der alten Heimat. Die Tücken der falschen Waldwege liegen hinter uns.
So, liebe Sonne, unsere Knochen sind warm, du kannst dich wieder verziehen. Von wegen – sie scheint es sich zum Ziel gesetzt zu haben, uns heute die Haut zu verbrutzeln und das Hirn weichzugaren. Also schön die Kappe aufsetzen – wusste ich doch, dass ich was vergessen habe. Für die erste Hälfte unserer Etappe können wir uns noch im Schatten der Bäume bewegen, doch dann hat sich's erstmal mit dem Wald. Einen Vorteil hat die Hitze jedoch, wir „Unversehrten“ sind jetzt auch nicht mehr viel schneller als Oli. So geht es auf der Zielgeraden noch mal ein bisschen kameradschaftlicher zu. Dafür sehe ich bald aus wie ein Taschenkrebs – das hätte es jetzt aber auch nicht mehr gebraucht!
Wir nähern uns den Angriffspunkten für unsere Zielsetzung, den römischen Bauten. Jetzt die Entscheidung: wie sollen wir vorgehen? Wachtürme haben wir unterwegs schon zur Genüge abgelichtet, aber eine Siedlung und ein Aquädukt – das ist doch vielversprechend. Aus früheren Tagen ist mir das Aquädukt – ein schmales, sandsteinernes Brücklein – noch vage vertraut. Wir müssen sowieso in die Umgebung, da unsere Route ganz in der Nähe der Ruinen über eine im Wald verborgene Brücke führt. Die muss aber auch erstmal gefunden werden – die Schweizer haben gar nicht gemerkt, dass sie ihre Route da abseits der Pfade und quer durchs Gebüsch geplant haben! Da die Brücke aber logischerweise unten am Fluss liegen muss, fällt uns die Navigation dann doch nicht allzu schwer. Kleines Hindernis: uns stellt sich – Erinnerung an härtere Zeiten – mal wieder, hoffentlich zum letzten Mal, ein Zaun in den Weg! Dann querfeldein abwärts dem Gewässer entgegen – Brennnesselalarm! In Windeseile sind kurze gegen lange Hosen und T- gegen Sweatshirts eingetauscht. Leider sind wir da schon alle völlig zerstochen. Immerhin gelangen wir nach einigen Minuten lebend bei der Brücke an, die auch schon bessere Tage gesehen hat – uns gelingt zwischen Greinen und Wehklagen über unsere Blessuren sogar ein gefaketes frohes Lächeln fürs Gruppenfoto. Da war doch noch was – ah ja, Scrat, das Teammaskottchen. Unser Säbelzahneichhörnchen haben wir in den letzten Tagen vollkommen vernachlässigt! Also noch mal ein Foto mit dem Biest drauf, zurück in den Rucksack gequetscht und weiter.
Der Haken – um zum Aquädukt zu gelangen (das noch nicht in Sicht ist), müsste man weiter den Fluss entlang, durch ein wahres Meer von Brennnesseln – und dann wieder zurück zur Brücke. Der Geist ist willig, aber das Fleisch usw...da ich es aber wirklich doof fände, jetzt aufzugeben, nehme ich todesmutig den „Föteli“ an mich, um die Beweise zu „fötele“. Und wer jetzt nicht weiß, was das alles bedeutet, hat diese Serie nicht aufmerksam verfolgt...jedenfalls, nach zehn Minuten – nun ja, gebe ich auf. Kein Aquädukt in Sicht, dafür scheint mir meine Gesundheit nun ernsthaft in Gefahr. Eine einfache Jeans scheint für die Nesseln dieses scheinbar besonders gemeinen Stammes der Urtica kein ernstzunehmendes Hindernis zu sein. Tja, die Römer haben angeblich auf die antirheumatische Wirkung der Brennnesseln geschworen, aber ob das diese Qualen wirklich wert ist? Die Anderen sind zum Glück verständnisvoll und selber wehleidig genug, um das nachvollziehen zu können. Und das Aquädukt? Bleibt für mich ein Phantom. Auf Google Earth ist es, wie ich später herausfinden werden, gleich an vier verschiedenen Punkten im Wald verzeichnet – jedesmal mit einem Beweisfoto.
Bleibt ja noch die „Römische Siedlung“. Bis dahin steht uns aber nochmals ein kleines Abenteuer bevor, denn unser Weg führt auf der anderen Seite der Brücke weiter querfeldein, aber diesmal steil den Buckel hoch zur Straße. Gerade für unseren Invaliden Oli ist das eine ziemliche Herausforderung, bei der jeder mithelfen muss. Oben angekommen, sozusagen auferstanden aus Ruinen, sind wir dann alle einigermaßen malädiert. Schön, dass nun auch noch von der Siedlung keine Spur zu finden ist, verfluchte sch...na ja, schwamm drüber – die Schweizer haben es zu eilig oder sind zu neutral, um sich groß aufzuregen. Nicht mal eine kleine Verschnaufpause gibt es, stattdessen geht es schnurstracks weiter – nun gut, wenn auch im gewohnten Schneckentempo. Oli wird später sagen, diese letzten paar Kilometer seien auf der ganzen Tour die Schlimmsten für ihn gewesen – das Ziel beinahe vor Augen, aber dann immer noch ein Stück Wegs zu gehen, und das sozusagen als drittes Rad am Wagen, immer ein Stückchen hinter dem Rest. Jedenfalls sind es wohl die monotonsten anderthalb Stunden unserer Probetour. Die Schweizer sind gedanklich sichtlich schon bei der Heimreise. Und zum Verlaufen gibt es jetzt auch keine Gelegenheit mehr. Dann, endlich, Osterburken in Sicht! Auf dem Weg den Schulbuckel hinab veranstalten wir noch eine kleine Wasserschlacht mit unseren letzten Trinkresten. Dann eine Idee – für die „enge Überwachung“ sollte man unseren Betreuern eigentlich einen Denkzettel verpassen. Hätten wir sie nicht selbst kontaktiert und Prisca keine Geburtstagsfete geschmissen, wären Roland und Co uns an den gesamten vier Tagen wohl gar nicht vor die Augen gekommen.
In der Alten Bahnmeisterei geht kurz darauf ein verzweifelter Anruf der Goldpröblinge ein - „Wir haben uns komplett verlaufen! Wir wissen nicht wo wir sind – irgendwo in einer Stadt, keine Ahnung wo, die Autos hier haben alle so komische Kennzeichen...ach, da ist ein Bistro „New Way“, einen Supermarkt gibt es auch...“ – dass Roland trotz dieser grottenschlechten Lüge ein paar Schreckminuten durchsteht, geschieht ihm gerade deshalb ganz recht!
Endlich erreichen wir das Ziel, wo uns ein sichtlich entnervter Roland schon erwartet! Nach kurzer Duschpause hören wir uns die Abenteuer der anderen Tourgruppen an – da wurde in Ferienhäusern residiert, bei Renovierungsarbeiten geholfen ... bei Sträuselkuchen und Mürbestückchen machen wir uns dann an unsere eigene Auswertung und schließlich an den Expeditionsbericht. Unser Zeitfenster ist denkbar eng, wir wollen zum Abschied noch dinieren, morgen geht es für die Schweizer in aller Herrgottsfrühe zurück nach Hause. So bleibt unser Werk – ein Mythos aus grauer Vorzeit sollte es werden, ein Ringen der Götter und Genien – halbvollendet liegen. Zwar nehmen wir uns vor, übers Internet weiter daran zu arbeiten. Aber – ein Abschiedsessen, einige Wochen Alltag und eine vollständige Regeneration meiner sonnenverbrannten Haut später – wird mir klar, dass das wohl nichts mehr werden wird.
Und, auf dass diese vier wunderbaren Tage nicht ganz dem Vergessen anheimfallen, beginne ich selbst, diese Odenwälder Ochsentour in ein paar kurzen Sätzen zusammenzufassen, was sich rasch als Ding der Unmöglichkeit erweisen und zu dem Monstrum führen wird, durch das sich der werte Leser nunmehr hoffentlich nicht allzu schmerzlich gequält hat. Alles Beschriebene entspricht den Tatsachen, so wie ich sie erlebt habe, betrachtet durch den mal hauchdünnen, mal undurchdringlichen, mal ernüchterten, mal nostalgischen Schleier, den der zeitliche Abstand nun einmal mit sich bringt.
Ende.
