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Die Weißen erziehen zu viel. Briefe des Afrikaners Lukanga Mukara an seinen König in Zentralafrika

Textnummer: 132303

Erstellt am 2004/05/23, zuletzt geändert am 2008/09/02

In NETZWERK 1/1999 erschien im Anschluss an das 80 Jahre alte Kultbuch von Hans Paasche dieser erste neue Brief an den König im fernen Afrika zum Thema Erziehung in Deutschland.

von Lukanga Mukara

In NETZWERK 1/1999 erschien im Anschluss an das 80 Jahre alte Kultbuch von Hans Paasche dieser erste neue Brief an den König im fernen Afrika zum Thema Erziehung in Deutschland.

Liebe NETZWERK-Leserinnen und -Leser,

vor fast 80 Jahren wurden die von Hans Paasche verfaßten Briefe des Afrikaners Lukanga Mukara zum erstenmal veröffentlicht: „Die Forschungsreise des Afrikaners Lukanga Mukara ins innerste Deutschland“. Ein afrikanischer König, so Hans Paasche, habe einen Forscher ausgesandt, um das unbekannte Deutschland zu erkunden. Wieder ist Lukanga Mukara am Ende dieses Jahrhunderts zu Forschungszwecken in Deutschland unterwegs ist, um einen kritischen Blick auf die sonderbaren Erziehungsformen dieses Landes zu werfen. Die NETZWERK-Redaktion, die wie immer die Nase im Wind hat und die besten Stories an Land zieht, veröffentlicht als erste deutsche Zeitschrift diese Briefe.

Erster Brief: Vom Stress der Nichterzieher

Berg, im März 1999

Gütiger Omukama,

Herr der 1000 Rinder, Herrscher allen Lebens in Kitara, großer und einziger König! Die schwarzgekleideten Weißen, die die Frauen und unsere Geister verachten, haben mich das Lesen und Schreiben gelehrt. Daher hast Du mich für die große Reise ins ferne Europa auserwählt. Der Weg war weit und alle die Strapazen konnte ich nur im Wissen ertragen, derjenige zu sein, der Deine unendliche Wissensbegierde stillen darf. Das Land, in dem ich jetzt reise, heißt Deutschland, und über die Erziehung hier gibt es viel zu berichten.

Doch höre zuerst: Es gibt mehr Bücher, die von gelehrten Weißen über die Erziehung geschrieben wurden, als Fliegen in unserem Kral. Einige dieser Bücher habe ich gelesen, gemäß Deinem Auftrag, nach den besten Methoden der Erziehung zu suchen. Aber die Weißen sind klug und listig, denn wie nun erzogen werden soll, steht in keinem dieser Bücher. Sie schreiben über die Erziehung vor 2000 Jahren, bestimmen die Worte, bis sie zu dem Ergebnis kommen, daß man sie nicht bestimmen kann, aber nirgendwo fand ich einen Ratschlag. Ja, die Raffiniertesten leugnen sogar, daß es so etwas wie Erziehung gäbe. Sie sprechen nur von Beziehung. Ich habe einen von ihnen gefragt, ob er dann ein Bezieher sei. Das gefiel ihm nicht besonders. Er wolle möglichst wenig tun, weil er Ziele in der Erziehung verachtenswert finde, und seine Aufgabe sei es vor allem, die Kinder und Jugendlichen vor größeren Unfällen zu schützen. Das fand ich prinzipiell lobenswert, weil dann viel Zeit für andere Tätigkeiten bleibt oder auch für den Müßiggang, eine Sache, die die Weißen normalerweise nicht beherrschen. Heftig widersprach mir mein Gegenüber. Er sei im Stress. Ein Wort, das die weißen Erzieher oft benutzen. Er meint damit: er hat zu viel zu tun, er sei am Ende, brauche mehr Arbeitspausen. Mir war dies unerklärlich, aber der Nicht-Erzieher, diese Sekte nennt sich übrigens Antipädagogik, zeigte mir seinen Terminkalender.

Wisse: der Weißen Gedächtnis ist wohl aufgrund ihrer Schreibkunst so schlecht geworden, daß sie alles, was sie demnächst tun müssen, in ein Buch eintragen. Mein Informant arbeitete in einem Jugendhaus. Am Montag, so erklärte er mir, habe er frei. Das sei ein schöner Wochenbeginn, merkte ich an. Den brauche er aber auch unbedingt zur Erholung, erwiderte der Nichterzieher. Am Dienstag werde um 14.00 Uhr das Jugendhaus geöffnet, aber nur für die Mitarbeiter, denn zuerst müsse man über den Wochenplan reden, über Konflikte untereinander und über Jugendliche. Danach wird der Wochenplan den Jugendlichen vorgestellt, und wenn man noch Zeit habe, führe man einige tiefe Gespräche mit schwierigen Jugendlichen. Ich habe noch nicht herausfinden können, worum sich diese Gespräche drehen. Aber ich habe einen Verdacht! Es stellen sich immer ein paar Jugendliche für diese Gespräche zur Verfügung, damit der Rest Karten spielen, sich am Tischfußball vergnügen oder Musik hören kann. Sie wissen nämlich ganz genau, daß die Mitarbeiter – vor allem deren Häuptlinge – das Jugendhaus schließen würden, wenn die Jugendlichen nicht mit ihnen über ihre Probleme reden würden. Am Mittwoch ist das Haus dann wieder geschlossen, denn vormittags ist Supervision, eine Art Geistheilung, für die Mitarbeiter. Dort reden sie mit einem Schamanen über die schwierigen Gespräche mit den Jugendlichen und über ihre eigenen Schwierigkeiten. Weil sie nur über Schwieriges reden, haben alle eine große Sehnsucht nach Einfachheit und sehnen sich nach dem ländlichen Leben. Daher wollen sie sehr viel über Afrika und unser Volk wissen. Aber zurück zum Wochenplan! Am Mittwochnachmittag bilden die Frauen eine Frauenarbeitsgruppe und die Männer eine Männergruppe, aber nicht um gemeinsam zu trinken oder zu rauchen oder dem Müßiggang zu frönen, sondern um zu arbeiten. Genauer gesagt heißt das, sie beklagen ihre Situation! Es gibt sogar Frauen, die nie etwas mit Männern zu tun haben wollen. Die Männern wiederum beklagen, daß es gewalttätige Männer gibt. Danach sind alle, wie sie sagen, „so geschafft“, daß sie nach Hause gehen.

Einige vernünftige Erzieher scheint es in diesem reichen Lande aber doch noch zu geben. Sie schicken die Jugendlichen auf eine Expedition, fragen sie nach ihren Hobbies, motivieren sie zu sportlicher Betätigung verlangen von ihnen soziale Dienste. Gemäß Deinem Auftrag, die Erziehung der Wasungu (der Weißen) zu erforschen, werde ich versuchen, Genaueres zu erfahren. Im nächsten Brief werde ich Dir einiges darüber berichten können.

Ich werfe mich zu Boden und strecke Dir, Mukama, zum Gruß ein Büschel Gras entgegen!

Dein Diener

Lukanga Mukara

Quelle: NETZWERK 1/1999