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Kurt Hahn auf Helfersuche

von John Shaw, The Daily Telegraph

Textnummer: 130602

Erstellt am 2006/01/16, zuletzt geändert am 2008/09/02

Hahn gelang es 1955 John Hunt, den Leiter der erfolgreichen Mount-Everest-Expedition von 1953, für seine Jugendprogrammidee zu gewinnen, das dann 1956 mit Hunt als erstem Direktor als „Duke of Edinburgh’s Award“ gegründet wurde.

Hahn gelang es 1955 John Hunt, den Leiter der erfolgreichen Mount-Everest-Expedition von 1953, für seine Jugendprogrammidee zu gewinnen, das dann 1956 mit Hunt als erstem Direktor als „Duke of Edinburgh’s Award“ gegründet wurde.

John Hunt war 45 und an spartanisches Leben durchaus gewöhnt. Er hatte ein Vierteljahrhundert in der Armee und sogar eine zeitlang bei der indischen Polizei gedient, hatte den Krieg überstanden und die erste erfolgreiche Everest-Expedition 1953 geleitet. Aber auch Kurt Hahn wusste ein paar Dinge über spartanisches Leben. Das System, das er in Gordonstoun eingerichtet hatte, war berühmt wegen seiner „Kalte-Dusche-Methode“… Als sich der alte Herr an einem Winterabend im Jahr 1955 auf den Weg machte, Hunt an der Militärakademie in Camberley zu besuchen, bestand deshalb keine Notwendigkeit, heimelige Gemütlichkeit vorzuspielen.

„Er kam in einer kalten Novembernacht zu Besuch“, erinnert sich Lord Hunt. „Er sah ziemlich unheilverkündend aus, mit einem großen, breitkrempigen, schwarzen Hut und einem langen, schwarzen Umhang. Wortlos trat er ein, ging geradewegs auf die Fenster zu und riss sie alle auf. Dieser Zug versetzte mich in eine deutlich schwächere Position. Ich dachte: ‚Je schneller dieses Gespräch vorbei ist, desto besser‘.“ Hahns Ziel war es, Hunt für sein Konzept eines universalen Programms zu gewinnen, das in Erziehungswesen, Jugendverbänden, Industrie und anderen Einrichtungen und Diensten wie der Bewährungshilfe eingesetzt werden kann. Ob es Hahns Argumente waren, die ihn überzeugten oder die Kälte der Novembernacht, sagt Hunt nicht. Das Ergebnis war jedenfalls, dass er die goldene Regel des Armeelebens brach und sich freiwillig meldete. Er beendete seine Tätigkeit als stellvertretender Leiter der Militärakademie und wurde der erste Direktor des „Duke of Edinburgh‘s Award“. „Das war einer der großen Augenblicke in meinem Leben“, meint er rückblickend.

„Die Jugendorganisationen waren im großen und ganzen mit dem Programm einverstanden, aber der Erziehungsapparat misstraute der Sache. Minister in der Regierung und traditionsbewusste Köpfe im privaten und öffentlichen Sektor hatten Probleme mit einem Mann wie Kurt Hahn und dessen deutscher Herkunft so kurz nach dem Krieg.“ Hunt erklärt: „Es gab da dieses…, sie verstehen, ‚Da kommt dieser deutsche Pädagoge in unser Land und pflanzt seine Ideen in Gordonstoun ein‘. Er war ein echter Ausländer und sprach noch mit einem gutturalen Akzent, obwohl er schon einige Jahre hier gelebt hatte. Mit den Damen ging er sehr förmlich um, schlug seine Hacken zusammen, verbeugte sich und küsste ihre Hände – all diese Dinge. Trotzdem, seine Ideen waren sehr ungewöhnlich.“ Lord Hunt erinnert sich daran, wie Edward Boyle, später Staatssekretär für Erziehung, ihm bei einem Empfang den Rücken kehrte. Ironischerweise wurde Boyle später Vizekanzler der Universität Leeds und verlieh Lord Hunt in den siebziger Jahren einen Ehrendoktor…

Der Einfluss des Herzogs von Edinburgh in diesen ersten Tagen war „ziemlich gewaltig. Er war für die Nation ein Held, sehr beliebt, ungezwungen und jemand mit einer außergewöhnlich positiven Wirkung auf die Leute. Er sah die Notwendigkeit eines aktiven, sich um andere kümmernden, verantwortlichen Staatsbürgers. Ich denke, das Programm hat für diese grundlegende Idee bereits sehr viel geleistet.“

Eine wegweisende Entscheidung des für die Organisation des Programms verantwortlichen Gremiums war die Herabsetzung des Eintrittsalters von 15 auf 14, so daß die Jungen während ihres letzten Schuljahres beginnen konnten. Mit weitreichenden Konsequenzen, hatten so die lokalen Verantwortlichen des Bildungswesens doch die Möglichkeit, das Programm in den Schulen einzuführen. Von hier aus konnte das Programm als Brücke in das Jugendalter und den Wehrdienst wirken. Dies gehörte nicht zu den ursprünglichen Grundsätzen, und es war die Aufgabe von Lord Hunt, den Herzog anzurufen und mitzuteilen, daß die Entscheidung einstimmig getroffen worden war. Hunt: „Er hat die Sache anfangs sehr zurückhaltend aufgenommen, hat sich aber dann zu seinem großen Verdienst schließlich doch davon überzeugen lassen, daß dies der richtige Weg war.“ Im folgenden Jahr gab es bereits 7.000 Jungen als Teilnehmer und 1.000 erfolgreiche Abschlüsse. Ab 1958 gab es auch eine Version für Mädchen.

Das Programm zeigte auch im Ausland große Wirkung. Lord Hunt gewann Sir Percy Wyn Harris, einen seiner alten Bergsteigerfreunde, der kurz vorher seine Tätigkeit als Botschafter in Gambia beendet hatte, dafür, als „Wanderbotschafter“ für das Commonwealth tätig zu werden, „wo er hervorragende Arbeit leistete“.

Lord Hunt hat sich seither aktiv für junge Leute eingesetzt, besonders für Benachteiligte. Er hegt keinen Zweifel daran, dass einige seiner Freunde bei der Armee sehr erstaunt über seine Entscheidung waren, seine Militärkarriere aufzugeben. Bedauert er den Wechsel zur Jugendarbeit? „Kein bißchen. Es hat mir großen Spaß gemacht. Ich bin nur enttäuscht darüber, daß wir mit Ideen, die ich für unwiderlegbar halte, noch nicht weiter gekommen sind.“

[John Shaw im „Daily Telegraph“ vom 12.05.96]