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Peter Carpenter: Das Herzog von Edinburgh-Leistungsabzeichen

von Peter Carpenter

Textnummer: 129302

Erstellt am 2006/01/15, zuletzt geändert am 2008/09/02

Über den Beitrag eines Sammelbandes zu Kurt Hahn aus dem Jahr 1966 stießen Klaus Vogel und die Jugendfeuerwehr Baden-Württemberg Ende 1992 auf das Internationale Jugendprogramm.

Über den Beitrag eines Sammelbandes zu Kurt Hahn aus dem Jahr 1966 stießen Klaus Vogel und die Jugendfeuerwehr Baden-Württemberg Ende 1992 auf das Internationale Jugendprogramm.

Will man auf wenigen Seiten erklären, was es mit dem Herzog von Edinburgh-Leistungsabzeichen auf sich hat, so ist es vielleicht am besten, es zunächst zu definieren und die Definition sodann etwas genauer zu untersuchen. Die Auszeichnung lässt sich mit einem Satz definieren als, »ein Programm zielbewusster Freizeitbeschäftigung für Jugendliche«. Beginnen wir mit dem Begriff FREIZEIT.

Es wird heute immer mehr offenbar, dass die Art und Weise, wie Jugendliche ihre Freizeit verleben, ihre Einstellung zum Leben kaum weniger nachhaltig beeinflusst als ihr Tun und Treiben in der Schule oder am Arbeitsplatz. Und wie man zu Recht erwarten durfte, wird gleichermaßen offenbar, dass moderne Lebensbedingungen immer mehr dazu beitragen, diese Zeit unfruchtbar zu verbringen; mit unfruchtbar meine ich, um zwei extreme Beispiele anzuführen, entweder apathisch (am Fernsehapparat kleben) oder destruktiv (Eisenbahnlinien mit Baumstämmen blockieren).

In der Überzeugung, die so überaus wichtige Freizeit könne nutzbringender ausgefüllt werden, wie auch im Glauben, dass die Jugendlichen selbst diesen Gedanken begrüßen würden, ist der Plan konzipiert worden, der zur Schaffung des Herzog von Edinburgh-Leistungsabzeichen geführt hat. Was fehlte, so meinte man, waren die geeigneten Möglichkeiten und Anreize für eine sinnvolle Freizeitgestaltung.

Das Projekt sucht die Antwort auf diese Problemstellung in der Schaffung von Freizeitbeschäftigung besonderer Art. Wie sieht diese Beschäftigung aus und welche Schritte werden ergriffen, Jugendliche dafür zu interessieren? Hier bietet sich ein weites Feld, das für bestimmte Zwecke, die sogleich erörtert werden, in vier Abschnitte gegliedert ist, die den vier für den Erwerb des Abzeichens notwendigen Leistungen entsprechen:

Das erste steht unter dem Leitwort »Dienen« und umfasst, um nur wenige Beispiele anzuführen, Erste Hilfe, Lebensrettung, Tierbetreuung und Blindenhilfe. Leichtathletik und Schwimmen sowie andere Sportarten und Fähigkeiten machen den zweiten Abschnitt »Körperliche Tüchtigkeit« aus. Der dritte Abschnitt steht unter dem Begriff »Fahrt und Lager« und umfasst Kartenlesen, Zelt- und Lagerkunde, Wanderfahrten zu Fuß, im Kanu oder dgl. Schließlich gibt es den Abschnitt »besondere Neigungen und Interessen«; dazu gehört fortgesetztes Hinarbeiten auf ein fest umrissenes Ziel oder auch die Lösung einer bestimmten Aufgabe auf dem Gebiet der Kunst, des Handwerks, der Wissenschaften o.ä. Dies sind die Vorraussetzungen für den Erwerb des Abzeichens durch Jungen.

Auch für Mädchen gibt es ein Abzeichen, das ebenfalls durch Leistungen auf vier Gebieten zu erwerben ist. Drei davon ähneln sehr den Anforderungen an Jungen, aber für »körperliche Tüchtigkeit« steht bei den Mädchen »Lebensgestaltung«. Diese Leistungskategorie umfasst eine Vielfalt von Beschäftigungen, die mit der persönlichen Erscheinung und der Fähigkeit, einen Haushalt zu führen, zu tun haben.

Nunmehr zu dem Wort »zielbewusst« unserer Definition: Daß es ein erzieherisches Ziel in den oben erwähnten Beschäftigungsarten gibt, findet klaren Ausdruck in der einschlägigen Literatur. Ziel der Leistungskategorie »Dienen« ist, »Jugendliche derart zu beeinflussen, dass sie erkennen und einsehen, daß sie als Mitglieder einer Gemeinschaft anderen gegenüber eine Verpflichtung haben«. Von »körperlicher Tüchtigung« heißt es, »ein guter Staatsbürger besitze davon selbstverständlich ein ziemlich hohes Maß«. Der Zweck von »Fahrt und Lager« liegt darin, »den Forscher- und Entdeckergeist zu kultivieren«. »Neigungen und Interessen« sollen »als Anreiz und Aufmunterung mit dem Ziel wirken, solche Interessen und Fähigkeiten zu entdecken und zu entwickeln, die den Bewerbern Initiative und Ausdauer abverlangen«. Und für Mädchen schließlich soll die Leistungskategorie »Lebensgestaltung« »einem Mädchen dabei helfen, ein Heim schaffen und einmal, mit genügend organisatorischen Fähigkeiten und Fertigkeiten ausgestattet, anderen Freude und sich selbst Glück und Zufriedenheit bereiten zu können«.

Es ist recht leicht, eine Liste mit verschiedenen lohnenden Beschäftigungen für die Freizeit aufzustellen. Nicht so leicht ist es, Jugendliche dazu zu bringen, sie aufzugreifen – es sei denn, dass Zwang Anwendung fände. Daran wurde nie gedacht! Stattdessen wählte man den Weg, an den guten Kern eines jeden zu appellieren. »Versuch’s mal, und wenn du gut genug abschneidest, werden wir deiner Leistung Annerkennung zuteil werden lassen«.

Das ergibt eine Reihe von Auszeichnungen für solche Bewerber, die bestimmten Anforderungen entsprechen. Im gleichen Maße, wie die Bewerber älter, fähiger und ehrgeiziger werden, stellt man ihnen immer schwierigere Aufgaben.

Demgemäß wird das Leistungsabzeichen in drei Stufen vergeben – Bronze, Silber und Gold. Zum Beispiel muss sich die Prüfung in der Leistungsgruppe »Fahrt und Lager« für das Bronzeabzeichen auf mindestens zwei Tage, für Silber auf drei und für Gold auf vier Tage erstrecken. Es ist üblich, mit Bronze zu beginnen, man kann sich aber auch jederzeit um die höheren Auszeichnungen bewerben. Voraussetzung ist, dass die für die unteren Stufen verlangten Leistungen mit einbegriffen sind. Im Übrigen besteht jede Auszeichnung aus Urkunden und Abzeichen.

Wie wird entschieden, ob ein Bewerber eine Auszeich­nung verdient oder nicht? Es geschieht durch Zugrundelegen von bestimmten Normen für alle Leistungen, und zwar auf zwei Wegen: Normen für die Leistung selbst und Normen für persönlichen Einsatz und jeweils erzielten Fortschritt. Ersteres ist überwiegend objektiv, letzteres relativ. Zur Erläuterung der erstgenannten Normen: Wenn ein Junge Erste Hilfe aus dem Lei­stungs­gebiet »Dienen« wählt, muss er eine Prüfung auf theoretischem und praktischem Gebiet ablegen, wie sie vom Roten Kreuz oder einer ähnlichen Organisation vorgeschrieben ist.

Derart eindeutige Anforderungen können aber nicht an ein Mädchen gestellt werden, das unter »Neigungen und Interessen« etwa Rhetorik wählt. Hier muss die Norm der Fähigkeitsstufe angemessen sein, auf der sie begann; und wenn sie nach Ablauf einer gewissen Zeit einer Prüfung unterworfen wird, so geschieht es unter Berücksichtigung der bewiesenen Einsatzbereitschaft und des tatsächlich erzielten Erfolges.

Wer sich für die Auszeichnung qualifizieren möchte, muss zufrieden stellende Leistungen in jeder der vier Leistungskategorien aufweisen. Damit kommen wir zu einem weiteren erzieherischen Ziel, das bei der Konzipierung des ganzen Projekts eine fundamentale Rolle spielte. Es ist die Überzeugung, dass es in einem Zeitalter immer größer werdender Spezialisierung gewisse Werte gibt, die gewährleistet sein müssen. Daher der umfassende Rahmen der für die Durchführung des Projektes vorgeschriebenen Bedingungen.

Bei derartiger Gestaltung eines Projekts besteht immer die Gefahr, dass jeder Beteiligte in dieselbe Zwangsjacke gepresst wird. Eben dieser Gefahr wird aber dadurch begegnet, dass man im Rahmen einer jeden der vier Leistungskategorien umfangreichen Auswahlmöglichkeiten bietet. Somit kann ein Junge, der ein guter Kurzstreckenläufer ist, zum Bestehen der Prüfung auf dem Gebiet der »körperlichen Tüchtigkeit« Speer werfen, und das Mädchen, das »die Kocherei« hasst, kann in der Leistungsgruppe »Lebensgestaltung« statt dessen eine Prüfung als Haarkünstlerin ablegen. Damit besteht also genügend Spielraum für individuelle Unterschiede in den jeweiligen Fähigkeiten und Interessengebieten. Es wird auch niemand »bestraft«, wenn eine wesentliche Voraussetzung (etwa ein Schwimmbad) am betreffenden Orte fehlt. Es gibt immer Alternativbeschäftigungen, unter denen man seine Wahl treffen kann; das ermöglicht jedem Bewerber die Teilnahme, ganz gleichgültig, ob er auf dem Dorf oder in der Stadt, dem schottischen Hochland oder an der Südküste Englands lebt.

Wir wenden uns nun dem Wort Programm aus unserer Definition zu. Hierbei handelt es sich um einen echten Schlüsselbegriff, denn er zeigt, was das Herzog von Edinburgh-Leistungsabzeichen: eine Organisation für sich. Von Anfang an wurde beschlossen, dass das Projekt einer jeden Organisation zur Verfügung zu stellen ist, die sich in irgendeiner Form mit der Jugendwohlfahrt befasst; zur Verfügung zu stellen in dem Sinne, dass es bereits vorhandene eigene Programme auf dem Gebiet der Freizeitgestaltung nachhaltig fördern bzw. ihren Zusammenhang untereinander festigen soll.

Alles wurde getan, um zu vermeiden, dass das Projekt zu einem rivalisierenden Unternehmen wird. In London befindet sich ein Zentralbüro; es wurde Sir John Hunt, dem Führer der Mount-Everest-Expedition von 1953 unterstellt. Aufgabe des Büros ist es, Auskünfte über Teilnahmebedingungen zu erteilen sowie eine allgemeine Aufsicht über notwendige Verwaltungsarbeit auszuüben. Das ist alles.

Die Verantwortung für das eigentliche Funktionieren des Projekts wurde so genannten Durchführungsbüros übertragen. Dabei handelt es sich um freiwillige, im ganzen Land anzutreffende Jugendorganisationen, örtliche Schul- und Erziehungsbehörden, viele Unternehmen aus Handel und Industrie, Militär und Polizei und dergleichen. Sie alle ermöglichen durch Übernahme dieser Verantwortung jedem unter ihren Fittichen befindlichen Jugendlichen die Beteiligung an dem Projekt.

Die Durchführungsbüros legen ihrerseits die mit der wirkungsvollen Durchführung des Projekts verbundene Alltagsarbeit vertrauensvoll in die Hand örtlicher Vereinigungen oder Einrichtungen: Jugendklubs, Höhere Schulen, Fabriken, Kadetteneinheiten usw. Es ist Aufgabe des Lehrers, Klubleiters, Personalchefs, die einzelnen Kurse und Lehrgänge zu arrangieren bzw. durchzuführen sowie die Bewertung der Einzelleistungen vorzunehmen. Unter der Voraussetzung, dass gewisse Vorkehrungen zur Wahrung der Normen stets beachtet werden, können sie alles so gestalten, wie es den jeweils am Ort herrschenden Bedingungen am besten entspricht.

Es wird nunmehr klar geworden sein, wer die Jugendlichen sind, für die das Projekt bestimmt ist: jeder Junge, jedes Mädchen, natürlich aus allen Schichten und Berufen. Auch Körper- und Umweltbehinderte gehören dazu. Jedoch gibt es bestimmte Altersbegrenzungen. Niemand darf sich vor Beendigung des 14. Lebensjahrs beteiligen; die zum Erwerb des Abzeichens notwendigen Leistungen müssen spätestens bis zum 20. Geburtstag erbracht sein.

Und wie fing es an? Zur Beantwortung dieser Frage müssen wir in die Frühzeit von Gordonstoun zurückgehen, in jene Tage, als Prinz Philip dort Schüler war. Hahn hatte beschlossen, dass sein der Charakterformung dienendes Beschäftigungsprogramm in einer Auszeichnung, dem Gordonstoun-Abzeichen, kulminieren sollte. Die Beteiligung am Wettbewerb und diese Auszeichnung wurde bald auf alle Jungen ausgedehnt, die in jener Gegend (Moray in Schottland) wohnten. So wurde das Moray-Abzeichen geschaffen und in Grafschaftsabzeichen (County Badge) umbenannt, als es im ganzen Lande eingeführt werden sollte. Das County Badge-Programm kam nie richtig in Gang, wurde aber als Grundlage für die Kurzlehrgänge benutzt, die an der Outward Bound Sea School bei Aberdovey stattfanden. So lebte die Idee weiter.

1954 griff Prinz Philip den Gedanken eines für das Vereinte Königreich gültigen Projekts wieder auf und rief einen Ausschuss von Vertretern interessierter Kreise zusammen. Das Ergebnis ihrer Beratungen war das jetzige Projekt, das im Jahre 1956 gestartet und in den drei folgenden Jahren als Experiment durchgeführt wurde. Die Beteiligung war zu jener Zeit begrenzt, während je nach den gewonnenen Erfahrungen die Anforderungen angehoben oder vereinfacht und neue Beschäftigungsarten ausprobiert und hinzugeführt wurden.

Das Experiment war so erfolgreich, dass als Redaktion auf vielseitiges Drängen schon 1958 ein ähnliches Abzeichen für Mädchen geschaffen wurde. Seitdem hat man sich ständig neuen Gegebenheiten angepasst, zum einen, um die Gewähr zu bieten, dass möglichst alle Jungen und Mädchen eine echte Erfolgschance haben, zum anderen, um mit den Anforderungen einer im rapidem Wechsel begriffenen Gesellschaft Schritt zu halten.

Eine bedeutsame Entwicklung liegt in der Ausbreitung des Projekts im Ausland. Den Anfang machten ein paar britische Militärschulen, bald folgten andere Einrichtungen in verschiedenen Ländern des Commonwealth. Dabei wurde das Projekt den jeweiligen lokalen Gegebenheiten angepasst. Heute ist es in mehr als 40 Ländern fest etabliert – in Neuseeland wie in Malta, in Hongkong wie Kenia. Wettbewerbsteilnehmer rekrutieren sich aus vielen Nationalitäten jener Gebiete. Pakistan hat sogar ein Projekt unter eigenem Namen, das »Abzeichen des Präsidenten« (President's Award); und im Hinblick auf viele Anfragen scheint die Schaffung weiterer nach dem Modell des Herzog von Edinburgh-Leistungsabzeichen (»Duke of Edinburghs Award«) gestalteter, aber unabhängiger Projekte wahrscheinlich.

Jahr für Jahr ließ sich eine Zunahme der Bewerber feststellen, bis die gegenwärtige Zahl von 100.000 pro Jahr erreicht war. Diese Zahl ist nicht groß, wenn man sich den Umfang des gesamten 14 – 20 Jahre alten Bevölkerungsanteils vor Augen hält. Dabei gibt es eine Anzahl von Faktoren zu berücksichtigen. Die Teilnahme am Wettbewerb ist stets freiwillig. Niemals wurde von dem Verleihungsgremium Druck ausgeübt, und, obgleich der Erfolg des Projekts Prinz Philips starkem Interesse und seiner Anteilnahme viel zu verdanken hat, hat man jeglicher Versuchung widerstanden, aus seinem Namen Kapital zu schlagen. Durchaus zu Recht war man immer der Ansicht, dass das Projekt, sollte es Bestand haben, seinen eigenen Weg in seiner eigenen Zeit gehen müsse.

Auf Jugendliche attraktiv zu wirken, war nie schwer, nimmt man jene Unverbesserlichen aus, die stets jede Beteiligung an irgendwelchen organisierten Gemeinschaftsunternehmen ablehnen werden. Die meisten im Rahmen des Wettbewerbs zugelassenen Beschäf­ti­gungsarten üben eine natürliche Anziehungskraft aus, bei Jungen besonders in der Leistungsgruppe »Fahrt und Lager« sowie bei den Mädchen in der Gruppe »Lebensgestaltung«. Die gestellten Anforderungen haben sich auch nicht als schwer erwiesen. Sie sind sorgfältig zusammengestellt, dass sie das Leistungsvermögen von Jungen und Mädchen durchschnittlicher Fähigkeiten nicht überschreiten. Einmal fest entschlossen, kann jeder die Anforderungen erfüllen, besonders für das Bronzeabzeichen. Zwar fehlt es oft an der notwendigen Entschlossenheit, wodurch viele Bewerber ausscheiden. Doch manchmal sind die Umstände stärker als sie.

Eine wirkliche Schwierigkeit ist es, von Seiten Erwachsener genügend freiwillige Hilfe zu erhalten, mit der man jederzeit rechnen kann. Denn es kommt ja nicht nur auf die Jugendlichen an, die in ihrer Freizeit die Wettbewerbsbedingungen erfüllen wollen, sondern auch die Erwachsenen, die als Lehrer und Schiedsrichter fungieren und oft feststellen müssen, dass schon die reine Verwaltungsarbeit eine Zeit raubende Angelegenheit ist. Deshalb überrascht es kaum, dass das Projekt am meisten in den höheren Schulen an Boden gewonnen hat, wo die Wettbewerbsteilnehmer jeden Vorteil genießen und wo natürlich Leistungstraining wie auch die Prüfung als eine außerhalb des Lehrplans liegende Beschäftigung betrachtet werden. Da liegen die Dinge in einem durchschnittlichen Jugendklub mit seinen zweimal wöchentlich stattfindenden Veranstaltungen ganz anders, ist doch der Klubleiter in unbezahlter Nebenbeschäftigung tätig, ohne immer über die nötigen Mittel zu verfügen. Jedoch ist auch im Jugendwerk (Youth Service) durch hingebungsvolles Führertum Beachtliches erreicht worden. Obwohl das Projekt jetzt auf eine zehnjährige Existenz zurückblicken kann, ist es noch zu früh, den Umfang seiner Auswirkungen definitiv feststellen zu wollen. Aber ein großer Erfolg des seinerzeit ziemlich heiklen Beginns ist bereits festzustellen.

Der persönliche Einsatz bei der Erfüllung der zu Erlangung der Auszeichnung notwendigen Bedingungen hat sich als eine mit der tiefen Befriedigung verbundene Erfahrung für jene Jungen und Mädchen erwiesen, die auf Schulbank oder Sportplatz normalerweise keine Leuchten sind. Sie haben auf einem Gebiet Ersatz gefunden, auf dem Hingabe und Ausdauer weit gehend das Fehlen gewisser angeborener Fähigkeiten ausgleichen können. Denn hier haben sie den Wettkampf nicht mit ihren begabten Kameraden, sondern mit Anforderungen aufgenommen, die sie auf Grund einer eigenen Entscheidung zu erfüllen trachten. Aber ob nun begabt oder nicht begabt, alle haben die Möglichkeit, neue, erregende Beschäftigungsarten zu erproben. Viele junge Leute haben so ein neues Interessengebiet oder eine bisher nicht gekannte Fähigkeit entdeckt.

Die bloße Tatsache, dass Tausende – alt wie jung – sich von dem Projekt begeistern ließen, ist nicht ohne Bedeutung. Aber es wäre falsch, allein daran oder an der Zahl derer, die ein Abzeichen errangen, den Erfolg des Projekts ablesen zu wollen. Denn von niemandem, der, sei es auch nur kurze Zeit, auf den Geschmack einer irgendwie lohnenden Beschäftigung gekommen ist, kann behauptet werden, er habe seine Zeit nutzlos vergeudet. Das Projekt hat außerdem bewirkt, dass mehr Erwachsene mit Jugendlichen in Berührung kommen, womit auch ein Beitrag zur Überbrückung jener unglückseligen Kluft zwischen den Generationen geleistet wird. Selbst viele, die bereits auf beruflicher Ebene mit Jugendlichen zu tun hatten, haben neue Ideen und neue Anreize empfangen. Auch für sie bedeutet das Projekt einen neuen Anstoß. Wie einige der Jugendliche haben auch sie sich nicht alle den daraus entstehenden Anforderungen gewachsen gezeigt, aber auch das musste erwartet werden.

Schließlich sind noch die indirekten Auswirkungen zu beachten, die sich auf Gebieten ergaben, wo keine direkte Erfahrung mit dem Herzog von Edinburgh-Leistungsabzeichen zu erkennen ist: In Schul- und Erziehungsinstitutionen, die sich überwiegend an ihrem starren Lehrplan zu orientieren pflegen, in denen nunmehr aber neue, freiere Erziehungsaspekte langsam zum Zuge kommen, in Vereinigungen und Klubs, deren Mitgliederzustrom versiegt war, die jetzt wieder Neuland zu sehen beginnen; und in der Industrie, die, bislang, besessen vom Streben nach Leistungsfähigkeit und Produktion, nun erneut an ihre moralische Verpflichtungen erinnert wird. Ein vollständig neues geistiges Klima ist geschaffen worden. Aber man darf nicht zu viel von dem Projekt erwarten. Es existiert nicht um seiner selbst willen, es ist nur eine Waffe – und gewiss nicht die einzig verfügbare – im Kampf um ein erfüllteres Leben. Dieser Kampf wird nur dann gewonnen werden, wenn sich genügend von der Bedeutung des Projekts überzeugte Männer und Frauen zur Mitarbeit melden. Das ist die Schwäche dieses auf Freiwilligkeit beruhenden Projekts, aber es ist auch seine Stärke.

In: H. Röhrs (Hrsg.), Bildung als Wagnis und Bewährung. Eine Darstellung des Lebenswerkes von Kurt Hahn, Heidelberg, 1966 248 ff). Ausdruck mit freundlicher Genehmigung des Quelle & Meyer Verlages Heidelberg/Wiesbaden.