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Beim „VE Day '95“ in London

von Klaus Vogel

Textnummer: 138202

Erstellt am 2005/05/10, zuletzt geändert am 2008/09/02

Unvergeßliche Tage erlebten die deutschen Teilnehmer des Internationalen Jugendprogramms beim VE Day in London, wo sie nicht nur Bekanntschaft mit Jugendlichen aus allen Ländern machten, sondern auch mit Königin Elisabeth und Bundespräsident Herzog zusammentrafen.

Unvergeßliche Tage erlebten die deutschen Teilnehmer des Internationalen Jugendprogramms beim VE Day in London, wo sie nicht nur Bekanntschaft mit Jugendlichen aus allen Ländern machten, sondern auch mit Königin Elisabeth und Bundespräsident Herzog zusammentrafen.

Wovon viele Briten ein Leben lang vergeblich träumen – für zwei Dutzend Jugendliche aus Ba-den-Württemberg wurde es beim VE Day in London überraschend Wirklichkeit: ein Zusammentreffen mit der Queen. Die Einbeziehung an der Großveranstaltung zum 50. Jahrestag des Kriegsendes im Hyde Park, bei der die Schüler der Ganztagesschulen Osterburken und des Chemischen Instituts Dr. Flad in Stuttgart die Bundesrepublik vertraten, war schon durch die aktive Zusammenarbeit mit Jugendlichen aus der ganzen Welt ein besonderes Erlebnis. Die Begegnung mit Königin Elisabeth, anderen Mitgliedern der Königsfamilie, den Präsidenten Herzog und Mandela sowie zahlreichen anderen Prominenten machte daraus für alle ein einmaliges und unvergeßliches Ereignis.

 

VE Day ‘95 im Zeichen der internationalen Jugend

Das Besondere an den dreitägigen britischen Feierlichkeiten war, daß sie den Blick weniger die Vergangenheit als in die Zukunft richteten. Zwar kam insbesondere am Samstag auch die Vergangenheit und die Leistung der Veteranen nicht zu kurz; ansonsten ging es aber unter dem Motto „Internationale Jugend“ vor allem um die Zukunft. Die Großveranstaltung im Hyde Park, wo sich bei hochsommerlichen Temperaturen öfters an die 200.000 Leute tummelten, hatte so auch eher den Charakter eines Volksfestes.

Entsprechend dem Veranstaltungsmotto hatten die Veranstalter nicht nur Staats- und Regierungschefs aus über 50 Ländern, sondern auch Jugendliche aus der ganzen Welt nach London eingeladen. Vor allem der „Duke of Edinburgh’s Award“, ein in Großbritannien von vielen Schulen, Jugendgruppen und Firmen angebotenes Jugendprogramm, hatte im Hyde Park die Darstellung der Jugendarbeit übernommen. Der „Award“ wird aber nicht nur in Großbritannien, sondern unter der Schirmherrschaft von Prinz Philip auch weltweit angeboten, neuerdings auch in Deutschland. Zu den Pionieren gehören unter anderen die Ganztagesschulen Osterburken und die UNESCO-Modellschule Dr. Flad in Stuttgart, die ihrer Verbindung zu diesem internationalen Jugendprogramm die Einladung in die britische Hauptstadt zu verdanken hatten.

Schnell waren die Jugendlichen aus Baden-Württemberg in die „internationale Gemeinde“ im Hyde Park integriert. Gemeinsam präsentierten die jungen Leute aus der ganzen Welt, darunter Briten, Deutsche, Tschechen, Kanadier, Südafrikaner und auch eine Delegation aus der Karibik, Jugendarbeit. Sportliche Aktivitäten wie Klettern oder Zeltaufbau auf Zeit standen ebenso auf dem Programm wie Musik und Theater, es blieb aber auch Zeit für gemeinsames Zusammensitzen oder für Kurzbesuche in der City. Aber natürlich kam man auch auf der Ebene der Gruppenleiter ins Gespräch – mit dem Ergebnis, daß gemeinsame Projekte mit Gruppen aus Tschechien und Südafrika sowie ein Europatreffen im Sommer ‘96 auf Malta vereinbart wurden. Die Jugendlichen verfaßten kurz vor dem Abflug eine Resolution, in der sie einen Ausbau der britisch-deutschen Jugendbegegnung anregten.

 

Ehrengäste bei offiziellen Terminen im Hyde Park

Während am Samstag abend die Staats- und Regierungschefs zu einem Festbankett in die Guildhall, das Rathaus der City von London eingeladen waren, bei der die Königin eine auch hierzulande vielbeachtete Ansprache hielt, nahmen die Jugendlichen ihren ersten offiziellen Termin war. Keiner aus der Gruppe konnte sich unter dem „Royal British Legion Celebration Concert“ etwas vorstellen, obwohl die hunderttausendköpfige Menschenansammlung, durch die man sich einen Weg bahnen mußte, bereits etwas besonderes versprach. An den endgültigen Sitzplätzen angekommen, war die erste Überraschung perfekt: man hatte die deutschen Gäste nicht irgendwo in der Menge, sondern ganz hervorgehoben in der vierten Reihe plaziert.

Und dann gab es nicht das von manchen befürchtete Militärkonzert, sondern eine auch die stark vertretenen Nachkriegsgenerationen begeisternde musikalische Rückschau in die Kriegsjahre. Einer der Höhepunkte nicht nur für die deutsche Gruppe war der Auftritt von Ute Lemper mit dem auf englisch und deutsch vorgetragenen Lied „Falling in Love again“, das im Krieg bei britischen und deutschen Soldaten sehr beliebt war. Vera Lynn erzielte mit dem berühmten „The White Cliffs over Dover“ Begeisterungsstürme, aber auch die Glenn-Miller-Rückblende, Cliff Richard und Elaine Page, Star vieler Musicals, begeisterten die Zuschauermassen und nicht zuletzt die Jugendlichen aus Deutschland. Spätestens jetzt hatte der Charme des VE Day 95 die letzten Teilnehmer in seinen Bann geschlagen.

Das Tüpfelchen auf das i setzte dann am Sonntagnachmittag der Staatsakt im Hyde Park, an dem die Gruppe ebenfalls teilnehmen durfte. Als man sich in ungewohnter Formation auf den Weg in den Sicherheitsbereich machte, wußte noch keiner, daß man wiederum nicht nur am Rande, sondern mitten im Geschehen landen würde. Und dann war es soweit: die Königin kommt auf die Gruppe zu und unterhält sich mit mehreren Gruppenmitgliedern. Ihr Ehemann und Begleiter, Prinz Philip, nennt die Gruppe „meine Leute in Deutschland“, Präsident Mandela, in Südafrika Schirmherr des Jugendprogramms, spricht mit mehreren Jugendlichen, und auch Bundespräsident Herzog läßt es sich nicht nehmen, einige Worte mit den jugendlichen Repräsentanten seines Landes zu wechseln. Das kommt bestimmt nicht wieder… Zwar gibt es von diesen Begegnungen keine guten Fotos – im britischen und auch im deutschen Fernsehen waren aber schöne Ausschnitte zu sehen, so daß für die Teilnehmer doch noch Hoffnung auf einige Schnappschüsse besteht.

Hohen Besuch erhielt die Gruppe auch aus der Heimat. Erich Erbgraf von Waldburg-Zeil, Repräsentant des Programms in Deutschland, und Michael Herzog von Württemberg ließen es sich nicht nehmen, den Jugendlichen in London persönlich Schützenhilfe zu leisten. Auch ein hoher Vertreter der deutschen Botschaft machte der Gruppe seine Aufwartung.

 

Im Hintergrund: Kooperation Schule – Verein

Der deutsche VE-Day-Beitrag war keine Aktion der beiden beteiligten Schulen, sondern ein Projekt innerhalb der Kooperation Schule – Verein. So wurden die Jugendlichen von Gregor Nachtmann von der Sektion Buchen des Deutschen Alpenvereins (DAV) in einem zweitägigen Kurs an der neuen Kletterwand in Buchen auf ihre Tätigkeit im Hyde Park vorbereitet und auch noch London begleitet. Roland Ohnhäuser, Leiter der deutschen Delegation, ist nicht nur Lehrer an der Ganztagesrealschule, die das Gros der Teilnehmer stellte, sondern Zweiter Vorsitzender des DAV in Buchen.

Mit dem VE-Day-Projekt ist das Thema Klettern für die Schüler der Ganztagesschulen noch lange nicht abgeschlossen. Ein Teil der Gruppe wird von sich aus die neuen Möglichkeiten in der Squash-Halle weiternutzen, außerdem ist Klettern inzwischen eine neue Möglichkeit für Programmteilnehmer der Schulen im Bereich „Sportliche Betätigung“. So war das Projekt für Schule und Verein gleichermaßen von Nutzen.

 

Bilanz

Aus der Sicht von Jugendlichen und Betreuern war das Projekt eine rundum gelungene Sache, ein Ereignis, das keiner der Teilnehmer je vergessen wird. Daß ausgerechnet der ehemalige Gegner das größte Jugendkontigent stellen durfte und derart bevorzugt behandelt wurde, war ganz eine besondere Ehre und zeigt wie auch viele Gespräche mit Veteranen, daß der Blick auch jenseits des Kanals bei aller notwendigen Rückbesinnung vor allem auf die gemeinsame Zukunft gerichtet ist.

Stellvertretend für alle, die diesseits und vor allem jenseits des Kanals dieses einmalige Erlebnis ermöglicht haben, möchten sich Gruppenleiter und Jugendliche bei Mike Mumford vom Duke of Edinburgh’s Award bedanken, ohne dessen Zutun bei der Vorbereitung und auch in London das Projekt bestimmt nicht so erfolgreich verlaufen wäre. Für die Zukunft von Bedeutung werden vor allem die Fäden sein, die im Hyde Park in alle Regionen der Welt gesponnen wurden, insbesondere in den Süden Afrikas.

Hydrant-Archiv: 1922; Quelle: NETZWERK 3/1995