Sektionen
Sie sind hier: Startseite Netzwerk Artikel Hilfe Seminare International NAO Israel
Israel 1999: Jüdische Gedenkstätte in Sennfeld

Avi First: Zu Besuch in der „Jugendprogramm-Universität“

von der NETZWERK-Redaktion

Textnummer: 086802

Erstellt am 2007/10/20, zuletzt geändert am 2008/09/02

Im ersten NETZWERK-Artikel zu „Israel 1999“ wird der Besuch der ersten Gruppe des Israel Youth Award in Deutschland insgesamt dargestellt. Dem Zusammenbruch und Tod des israelischen Gruppenleiters Avi First ist ein eigener Beitrag gewidmet.

Im ersten NETZWERK-Artikel zu „Israel 1999“ wird der Besuch der ersten Gruppe des Israel Youth Award in Deutschland insgesamt dargestellt. Dem Zusammenbruch und Tod des israelischen Gruppenleiters Avi First ist ein eigener Beitrag gewidmet.

Beim Abschiedsabend auf dem Bauernhof der Familie Schmieg im „Hohenstadter Grund“ äußerten sich die drei Dutzend jugendlichen Teilnehmer aus Israel, Tschechien und Deutschland sehr zufrieden über das Programm der internationalen Jugendbegegnungsmaßnahme im Juli 1999 in Osterburken. „Unser Besuch war sehr lehrreich und hat uns großen Spaß gemacht“, sagte ein arabisches Mitglied der israelischen Delegation. Insbesondere der Aufenthalt und die Betreuung durch die Gastfamilien wurden als sehr gut und lehrreich empfunden. „Das Leben in den Familien hat uns Land und Leute in Deutschland aus erster Hand erleben lassen“, bestätigte eine jüdische Israelin. Avi First, der Leiter der israelischen Delegation, nannte den Aufenthalt bei seiner Dankesrede einen „Besuch in der Jugendprogramm-Universität“. Wenige Minuten danach war dann leider alles ganz anders...

Die israelischen Gäste waren am Donnerstag um 23.45 Uhr mit Verspätung in Osterburken angekommen und nach einer Begrüßung von Klaus Vogel in der Realschule von den Gastfamilien in Empfang genommen worden. Am Freitag fand morgens das erste Treffen im Jugendcafé satt, das die ganze Zeit über als Ruhe- und Sammelpunkt diente. Nach einem Besuch im Römermuseum wurden Gäste und Begleiter von Bürgermeister Roland Burger und der Vorsitzenden des Stadtjugendrings, Ulrike Hauck, im Rathaus begrüßt. Nachmittags stand dann mit „Kooperativen Abenteuerspielen“ zum Anwärmen  und Kennenlernen erstmals „Action“ auf dem Programm. Neben Teamwork gab es hierbei für Deutsche und Tschechen ungeplantes „interkulturelles Lernen“ – die „Spaßkomponente“ von „Förderband“ und anderen Kooperationsübungen wurde vor allem von den arabischen Teilnehmern deutlich herausgearbeitet. Beim abschließenden „Abend in der Stadt“ hatten dann vor allem die Gäste aus Israel Gelegenheit, deutsche Eigenheiten kennenzulernen.

„City Bound“ in Würzburg war dann am Samstag das erste große Programm-Highlight. Die gemischten Gruppen hatten, mit Sofortbildkameras ausgestattet, herausfordernde und nicht immer ganz ernst gemeinte Aufgaben in der Stadt zu lösen, die sie schnell in Kontakt mit der Bevölkerung und an interessante Sehenswürdigkeiten brachten. Ganz beiläufig wurde so auch wichtiges zur Stadt und ihrer Geschichte in Erfahrung gebracht – wenn auch einigen deutschen Teilnehmern erst bei der Rückkehr klar wurde, dass man sich in einem anderen Bundesland und nicht „im Odenwald“ aufgehalten hatte... So war es nicht verwunderlich, dass Projektleiter Frank Heck, der das Programm ausgearbeitet und organisiert hatte, bei der Abschlussreflexion sehr viel Lob erhielt. Der Tag endete für die meisten Teilnehmer mit einer „Sportnacht“ in der Turnhalle, für zwei Verletzte mit einem Kurzbesuch im Buchener Krankenhaus.

Nach einem zweistündigen Planungstreffen am Sonntagmorgen öffnete am Nachmittag erstmals die „Jugendprogramm-Universität“ (Avi) in der Realschule ihre Pforten. Klaus Vogel gab eine Einführung in die Philosophie des Programms und dessen Geschichte. Dabei stellte sich heraus, dass auf israelischer Seite der Name „Kurt Hahn“ völlig unbekannt war! Anschließend wurde der Programmteil „Expeditionen“ im Detail vorgestellt. Die Gruppen für die Planung und Durchführung der für Montag vorgesehenen Mini-Expedition wurden eingeteilt und Routen- und Essensplan in den Gruppen erstellt. Abends ging es dann in der Disco in Buchen, so richtig „ab“, und die letzten Eisbröckchen schmolzen schnell dahin – die Rückfahrt nach Osterburken musste mehrmals verschoben werden.

Montags um 10.30 Uhr ging es dann – diesmal mit dem Zug – nach Buchen, von wo aus die einzelnen Gruppen ihre zuvor geplante Tagestour starteten. Ziel war bei allen Gruppen das Schützenhaus in Osterburken, das dann auch von allen zwischen 16.00 und 18.00 Uhr, je nach der Qualität der Routenplanung mehr oder weniger erschöpft, erreicht wurde. Für den Tagesausklang hatten die israelischen Gäste einen orientalischen Abend geplant, um den Deutschen einen Einblick in ihre, und hier vor allem die arabische Kultur zu geben. Kulinarische Köstlichkeiten, Musik und Tanz machten den Abend zu einem unvergesslichen Erlebnis. „Expeditionsgemäß“ wurde anschließend im Freien, wegen des guten Wetters sogar unter freiem Himmel, übernachtet. Die Gitarre war im Einsatz, und geschlafen wurde nicht viel...

Der Dienstag sollte dazu dienen, den Gästen die Programmteile Fitness und Talente „hautnah“ erleben zu lassen. Dazu waren zuvor fünf Workshops zur Auswahl angeboten worden, unter denen Kanufahren und Klettern den weitaus größten Zuspruch fanden. Nach dem späten Frühstück in der Grillhütte und einer Pause in den Familien  machte sich so am Nachmittag eine Gruppe auf den Weg nach Krautheim, um dort mit Daniel Modersohn die Jagst bis Schöntal zu erkunden. Der andere Teil machte, angeleitet von Christoph Ellwanger, die Kletterwand der Realschule unsicher, und begab sich dann auch auf den Weg an die Jagst. Dort führte aber erst eine längere Suchaktion zu den „Kanuten“, die an einem ganz anderen Platz als vorgesehen angelandet waren. Am Abend stand in der „Jugendprogramm-Uni“ das Thema „Jugendprogramm und Jugendbegegnung“ auf der Tagesordnung. Vereinbart wurden jährliche ca. achttägige bilaterale Treffen als Jugendaustausch sowie multinationale Leiterseminare. Außerdem wurde der Abend zur Zwischenreflexion genutzt. 

Heidelberg war das Ziel des Tagesausflugs am Mittwoch. Zusammen mit Tony Barnes entdeckten die Teilnehmer die Altstadt, das Schloss, die Universität etc. und nutzten die Zeit auch, um die dringend benötigten Souvenirs einzukaufen. Am Abend hatten die Jugendlichen Gelegenheit, mehr über das „Himalayan Adventure and Aid Project“ zu erfahren, das Michael Daniel in der Realschule als Diavortrag vor großem Publikum präsentierte. 

Reinhard Lochmann, der die jüdische Gedenkstätte in Sennfeld betreut, hatte es sich dann am Donnerstag zum Ziel gemacht, die jüdische Geschichte von Sennfeld und Umgebung zusammen mit den Teilnehmern nachzuzeichnen. Die gemeinsame Beschäftigung von Deutschen, Juden und Arabern mit der deutsch-jüdischen Vergangenheit führte zu einem wesentlich besseren Verständnis der jeweils anderen Kultur und es wurde zum ersten mal über den Holocaust diskutiert.  Im Anschluss ging es dann ins nahe Adelsheimer Schwimmbad und von dort mit der Bahn nach Eubigheim.

Von Eubigheim führte schließlich eine einstündige Wanderung zum Bauernhof der Familie Schmieg im „Hohenstadter Grund“, wo die Gruppe ca. um 18.00 zum Abschlussabend eintraf. Jörg Rüdinger und Klaus Vogel hatten alles vorbereitet, so dass bald mit dem Abendessen und dem anschließenden gemütlichen Beisammensein begonnen werden konnte. Das Veranstaltungsende war auf ca. 22.00 Uhr angesetzt, und kurz vorher – Klaus hatte Avi bereits durch den Hof und die Stallungen geführt – wurden die „Schlussansprachen“ gehalten und mit dem Verteilen der Geschenke begonnen...

 

Nach Avis Tod

Mit dem Zusammenbruch Avis, dem verzweifelten Kampf der Ersthelfer und Ärzte um sein Leben und schließlich der Erkenntnis, dass es nichts mehr zu helfen gab und Avi seinem Herzleiden, von dem niemand gewusst hatte, erlegen war, war, wie gesagt, plötzlich alles anders. Der Platz im Grünen zwischen Haus und Garten, mit Blick auf die Wiese und den Wald dahinter, von dem Avi so beeindruckt gewesen war und auf dem er den ganzen Abend über Gespräche geführt hatte, war zu einem Abschiedsplatz im traurigsten Sinn des Wortes geworden. 

Die Nacht von Donnerstag auf Freitag und die folgenden zwei Tage waren geprägt von der Trauer um Avi First und einer Vielzahl von organisatorischen Dingen, die vom Projektleitungsteam (Frank, Katharina und Tony, der für Klaus eingesprungen war) erledigt werden mussten. In der Friedhofskapelle wurde kurzfristig am Freitagabend noch eine nichtreligiöse Andacht organisiert, um es der ganzen Gruppe zu ermöglichen, von Avi, den jeder ins Herz geschlossen hatte, Abschied zu nehmen. Am Samstag um 10.24 Uhr ging es dann mit dem Zug zurück nach Frankfurt, von wo aus das Flugzeug am Sonntag um 14.10 Uhr nach Tel Aviv startete. Am Begräbnis in Israel nahmen mit der gesamten israelischen Gruppe auch Frank und Tony teil.

Wohl im Herbst wird Avis Witwe zusammen mit Aviva nach Osterburken und Hohenstadt kommen, um den „Abschiedsplatz“ persönlich in Augenschein zu nehmen. Dieses Treffen wird ein weiterer wichtiger Schritt in unserer Zusammenarbeit mit dem israelischen Partnerprogramm sein, die Avi wichtiger war als alles andere und die durch das tragische Ereignis eine neue Qualität erreicht hat. Auch in Osterburken, das in dieser Darstellung für alle an der Jugendbegegnung beteiligten Städte von Sinsheim über Mosbach bis Buchen, Walldürn und Hardheim steht, hat das Ereignis die Jugendprogramm-Welt verändert. Es ist, als ob alle ein Stück näher zusammengerückt wären – alle, die direkt mit dem Programm zu tun haben, die Gastfamilien und in gewissem Maß sogar die ganze Stadt. Die Geschehnisse und das ganze Projekt haben auch gezeigt, zu welchen Leistungen die zweite und dritte Leitergeneration in der Lage sind und dass die Zeiten des „Ein-Mann-Betriebes“ im operativen Bereich wie im Büro schon lange vorbei sind – und welche Ressourcen hier noch schlummern!

 

Danke!

Das ganze Projekt wäre nicht möglich gewesen ohne die Unterstutzung der Familien, in denen die 23 Gäste untergebracht waren und versorgt wurden, die bis spät in die Nacht als Fahrdienst im Einsatz waren und z.B. auch beim Abschiedsfest in Hohenstadt mithalfen. Dies war nicht immer ganz leicht, da viele arabische Teilnehmer fast kein Englisch und natürlich schon gar kein Deutsch sprachen und teilweise mit den Lebensgewohnheiten hierzulande erst vertraut werden mussten. Die Gastfamilien leisteten dann auch entscheidende Hilfe in den schwierigen Stunden und Tagen nach Avis Tod.

Bürgermeister Roland Burger, Schirmherr des Jugendprogramms in der Region, hatte bereits nachdem Empfang im Rathaus alle Hebel in Bewegung gesetzt, um für Avi die von diesem so sehr gewünschte Abstammungsurkunde zu organisieren. Er stand mit seiner Verwaltung dem Leitungsteam dann vor allem während der letzten beiden Tage unbürokratisch zur Seite und wirkte sogar persönlich an der Trauerfeier mit. Pfarrer Scholz aus Eberstadt half mit, diese sehr ansprechend zu gestalten. Rektorin Heide Lochmann ermöglichte die Benutzung von Schulräumen für die „Jugendprogramm-Universität“ und der Sporthalle für die Sportnacht und den Kletter-Workshop. Karl Heß ermöglichte es, dass in der Presse regelmäßig über die Begegnung berichtet wurde.

Auf Jugendprogrammseite haben sich wirklich alle in der Region, die Zeit hatten, für die Jugendbegegnung engagiert, noch nie waren so viele junge Betreuer im Einsatz! Besonders erwähnt werden muss aus diesem Kreis Jan Spießberger aus Altheim, der von Anfang bis Ende gleichzeitig als Teilnehmer, Helfer und Mitglied einer Gastfamilie im Einsatz war. Tony Barnes, der bereits die Stadtführung in Heidelberg übernommen hatte, war am Abend in Hohenstadt wieder zur Gruppe gestoßen und stieg nach dem Tod Avis sofort in die Projektleitung ein.

Danke!

Quelle: E-Info 10, 5. September 1999