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Braunbär im Banff National Park in Kanada

Kanada-Expedition: „Nie in der Nähe der Zelte kochen, damit Bären nicht angelockt werden“

Textnummer: 112206

Erstellt am 2004/06/01, zuletzt geändert am 2008/09/02

Der hier abgedruckte Text ist ein aus Platzgründen stark gekürzter Auszug aus dem schriftlichen Bericht zur Gold-Expedition. Um Authentizität und Perspektive zu wahren, wurden die Originalformulierungen durchgehend beibehalten.

Teilnehmericht von Tobias Lütticke

Der hier abgedruckte Text ist ein aus Platzgründen stark gekürzter Auszug aus dem schriftlichen Bericht zur Gold-Expedition. Um Authentizität und Perspektive zu wahren, wurden die Originalformulierungen durchgehend beibehalten.

Die Unternehmung – eine Viertageswanderung im Banff Nationalpark, Alberta, Kanada – war eine Expedition im Sinne des Jugendprogramms. Sie war ein Teil des im Banff National Army Cadet Summer Training Center (BNACSTC) durchgeführten Leadership and Challenge Kurs. Zielsetzung war das Erforschen der Natur im ältesten Nationalpark Kanadas, wobei die Teilnehmer an die Grenzen der körperlichen Leistungsfähigkeit geführt wurden. Ebenso sollte der erlernte Umgang mit Karte und Kompass in die Praxis umgesetzt werden.

Zusätzlich sollte das Bewusstsein für Natur und Tierwelt im Nationalpark geschärft werden. Hierzu gehörten z.B. spezielle Sicherheitsvorkehrungen, wie etwa das Verhalten beim Kontakt mit Bären. Außerdem wurde die Zusammenarbeit in einer dreisprachigen (englisch, französisch, deutsch) Gruppe praktiziert, in der jeder Teilnehmer Pflichten gewissenhaft zu erfüllen hatte, um das gemeinsame Ziel der Gruppe zum Erfolg zu führen.

Folgende Vorbereitungswanderungen wurden durchgeführt:

  • eine Halbtageswanderung im Banff Nationalpark;

  • zwei Tageswanderungen im Banff Nationalpark;

  • eine 4-Tages-Probeunternehmung auf den De Polon Gletscher, Wapta Icefield, British Columbia;

  • die Abschlussunternehmung.

 

Vorbereitung

Teil der Vorbereitung waren Wiederholungseinheiten als Grundlage für die einzelnen Wanderungen, jeweils mit steigenden Anforderungen im Hinblick auf körperliche Leistungsfähigkeit und benötigte Fertigkeiten. Nachdem uns in den Vorbereitungsunternehmungen immer einer der Bergführer zumindest beratend zur Seite gestanden hatte, wurde nun auch bei der Vorbereitung ein Höchstmaß an Selbständigkeit von uns verlangt. Absetz- und Aufnahmezeitpunkt und- ort wurden uns genannt, und wir hatten die Anforderungsformulare für den Transport zum Startpunkt auszufüllen und rechtzeitig einzureichen.

Die Vorbereitung beinhaltete auch eine Einweisung in die Tierwelt des Banff Nationalparks, schwerpunktmäßig mit dem Thema Bären. Grundregeln, die auch insbesondere wir auf unserer Expedition zu beherzigen hatten, waren:

  • Lärm machen (reden, singen usw.), um Bären zu vertreiben (sie haben nämlich genau so viel Angst vor uns wie wir vor ihnen);

  • Nahrung und Müll unbedingt verpacken und deutlich entfernt vom Lageplatz in Beuteln in einer Höhe aufhängen, in der sie von Bären nicht erreicht werden können. Dies ist lebenswichtig, da Bären durch den Geruch des Mülls, oder auch schon von Zahnpasta mit Pfefferminzgeschmack, angelockt werden;

  • nie in der Nähe der Zelte kochen, damit Bären nicht zum Zeltplatz gelockt werden;nie in der Nähe der Zelte kochen, damit Bären nicht zum Zeltplatz gelockt werden;

  • sich von Unterholz fernhalten. Bären halten sich bevorzugt in dicht bewaldeten Gebieten auf.

 

On Tour

Die angeforderte Ausrüstung wurde in Empfang genommen und verteilt. Wir bauten die Zelte probeweise auf, um festzustellen, ob sie vollständig waren. Die Erste-Hilfe-Ausrüstung wurde untersucht, insbesondere daraufhin, ob genug Materialien zur Versorgung von Fußproblemen und genug Wasseraufbereitungstabletten vorhanden waren. Wir gingen gemeinsam die Checkliste durch, um sicherzugehen, dass alles Notwendige dabei war (nicht so wie auf der Gletschertour, als wir das Toilettenpapier vergessen hatten und uns mit Papiertaschentüchern helfen mussten...).

Um das Gepäck so gering wie möglich zu halten, einigten wir uns darauf, dass nicht jeder Toilettenpapier, Sonnen- und Insektenschutz und Zahnpasta mitnehmen sollte. Wir bildeten zwei Zeltgruppen zu je drei Personen und verteilten die Zelte. Danach packte jeder seine Sachen.

Am ersten Tag trafen wir uns um acht Uhr zum letzten Ausrüstungs-Check und verpackten die gemeinsame Ausrüstung, zu der auch ein Funkgerät gehörte. Danach wurden wir per Bus zu unserem Startpunkt gebracht. Wir nutzten auf der Fahrt die Gelegenheit, Sonnenschutzcreme und Abwehrmittel gegen die allgegenwärtigen Moskitos aufzutragen. Am Startpunkt angekommen, übernahm der erste die Führung.

Wir machten unsere ersten wichtigen Erfahrungen über Verhaltensweisen im Nationalpark. Andere Wanderer sind zum Beispiel nicht nur eine willkommene Abwechslung, sondern auch eine Quelle von unter Umständen lebenswichtigen Informationen. So erfuhren wir, dass am Tag zuvor auf unserem Weg ein Bär gesehen wurde, oder dass eine weitere große Gruppe auf dem Weg zum Zeltplatz war, den auch wir benutzen wollten. Wir haben uns daraufhin etwas mehr beeilt und waren tatsächlich vor der anderen Gruppe da, so dass wir uns die besten Plätze aussuchen konnten.

Am meisten zu schaffen machte uns die Hitze in Kombination mit Tausenden von Moskitos. So war dann auch jeder froh, als wir unseren Zeltplatz erreicht, die Zelte aufschlagen hatten und die Füße für eine Weile von den schweren Wanderschuhen befreien konnten. Unsere Erfahrungen vom Gletscher ausnutzend, verteilten wir am Abend schon die notwendigen Tätigkeiten für den nächsten Morgen, wer zum Beispiel die Kocher anwirft, wer die Essensbeutel vom Lagerplatz holt, wo sie bärensicher aufgehängt waren und wer in der Zwischenzeit schon mal die Zelte abbaut.

Die nächsten beiden Tage verliefen im Wesentlichen gleich. Besondere Vorkommnisse gab es keine und dank der guten Vorbereitung und der Erfahrungen, die wir bereits auf den Vorbereitungswanderungen sammeln konnten, verlief alles glatt.

Der letzte Tag war dann auch der anstrengendste, weil wir einen Pass überqueren mussten, zu dem nur ein einziger steiler Weg hinaufführte. Der Aufstieg war recht anspruchsvoll, da der Weg sehr lang undschmal war,und der Untergrund durchweg aus Geröll bestand. Wir waren mit den schweren Rucksäcken ständig bemüht, das Gleichgewicht nicht zu verlieren und nicht abzurutschen. Aber schließlich erreichten wir auch hier unser Ziel und waren am späten Nachmittag wieder im Camp.

Jeder war heilfroh, sich nach vier Tagen endlich wieder duschen zu können und die zahlreichen Schichten aus Schmutz, Sonnen- und Insektenschutzmittel, die sich auf unserer Haut angesammelt hatten, abzuwaschen.

 

Schlussbetrachtung

Insgesamt war mein Aufenthalt im Banff Nationalpark eine schöne Erfahrung. Das Wandern und insbesondere die Expedition selber sowie der Gletschertrip sind Erlebnisse, an die ich mich immer wieder gerne zurückerinnern und deren Einzelheiten mir immer noch lebhaft vor Augen sind. Die Natur war für mich besonders beeindruckend. Nicht nur an die ganz andern Dimensionen musste man sich gewöhnen, auch die Vielfältigkeit war absolut überwältigend.

Ich habe viele neue Erfahrungen gemacht und viel Neues in Bezug auf Verhalten in und zur Natur gelernt. Erst angesichts dieser Vielfältigkeit wurde mancher so richtig für die Bedürfnisse seiner Umwelt sensibilisiert. Außerdem habe ich mich sowohl mit dem kanadischen Bergführer, als auch mit den Jugendlichen viele aufschlussreiche und interessante Gespräche geführt und viel über Besonderheiten und Eigenarten des Landes und seiner Bewohner erfahren. Auf der anderen Seite habe ich auch etliches über Deutschland, das Land, die Bewohner, Probleme und Dinge die uns bewegen, erzählt.

Getrübt haben meine sonst durchweg positiven Erlebnisse nur einige Vorfälle auf der Expedition zwischen den Franco-Kanadiern und den Englisch sprechenden Kanadiern. Dass hier Spannungen bestehen, war mir durchaus bewusst, auch im Hinblick auf das Referendum über eine Spaltung des Landes, das nicht lange vorher stattgefunden hatte. Dass diese Probleme aber teilweise in richtige Feindschaft und gegenseitigen Hass eskaliert habe ich, insbesondere schon unter Jugendlichen, so nicht für möglich gehalten.

Obwohl wir uns bemüht haben, alles gemeinsam zu besprechen und durchzuführen, haben sich die Franco-Kanadier von Beginn an abgesondert, nur Französisch gesprochen und vorgegeben, alles andere nicht zu verstehen, obwohl sie Englisch verstanden haben. Dies hat ein vernünftiges Beisammensein erschwert und den Spaß, den man bei solchen Gruppenunternehmungen haben kann, deutlich gemindert. Dass eine solche Abneigung zwischen zwei Volksgruppen schon bei Jugendlichen besteht, hat mich sehr nachdenklich gemacht. Siemüssen diese Haltung zu Hause von Eltern und Umfeld regelrecht eingeimpft bekommen.

Ein Aufenthalt in einem Jugendcamp wie diesem, mit einem deutschen und britischen Austausch, bildet meines Erachtens eine ideale Möglichkeit, Vorurteile abzubauen und sich gegenseitig kennen zu lernen. Bestes Beispiel dafür war ein Mitglied meiner Gruppe, über den einer der Engländer zu einem anderen gesagt hat, dass die Leute in seiner Unterkunft ganz nett seien, nur er müsste ausgerechnet über einem „scheiß Deutschen“ schlafen. Aber schon nach einer Woche haben sich die beiden bestens verstanden.

Trotz dieser Negativereignisse hielten wir alle unsere Unternehmungen für durchweg gelungen.

[aus Netzwerk 1/1999]