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Sestola 1994: „Wetter und Natur, Kameradschaft pur: Dreitagestour“

Textnummer: 134803

Erstellt am 2004/05/20, zuletzt geändert am 2008/09/02

Eine erlebnisreiche, lustige Unternehmung, die „kameradschaftlich viel gebracht hat und wir sofort wieder durchziehen würden“: so lautet die Bilanz der Obereggener Gruppe zu ihrer Dreitagestour bei „Sestola 1994“ im Appenin. Das zweiwöchige, preisgekrönte erste deutsche „expedition event“ wurde von der Jugendfeuerwehr Baden-Württemberg ausgerichtet.

Von den Expeditionsteilnehmern der Jugendfeuerwehr Obereggenen

Eine erlebnisreiche, lustige Unternehmung, die „kameradschaftlich viel gebracht hat und wir sofort wieder durchziehen würden“: so lautet die Bilanz der Obereggener Gruppe zu ihrer Dreitagestour bei „Sestola 1994“ im Appenin. Das zweiwöchige, preisgekrönte erste deutsche „expedition event“ wurde von der Jugendfeuerwehr Baden-Württemberg ausgerichtet.

Als wir erstmals davon hörten, während des Zeltlagers in Sestola eine Zweitagestour mitmachen zu können, mit Übernachtung im Freien, Wildbachüberquerung und ähnchen „Marlboro-Camel-Abenteuern“, haben wir uns spontan gemeldet. Aus dem Ausrüstungszettel ging hervor, daß wir einiges zu schleppen haben würden. Die Sestola-Vorbereitungsseminare erbrachten auch keine näheren Erkenntnisse.

Was lange währt, wird endlich Tour

In Sestola selbst begann dann schon am Mittwoch der ersten Lagerwoche die Vorbereitung. Markus und Ralf marschierten mit anderen Gruppenvertretern einen Tag durch die Berge um Sestola, als kleine Einstimmung sozusagen.

Jeder Tag von nun an war teilweise mit Vorbereitungskursen belegt:

  • Donnerstagmorgen: Orientierungsmarsch für die fünf anderen Gruppenmitglieder Kai, Thomas, Martin, Sascha und Daniel.

  • Samstagnachmittag: Erste-Hilfe-Kurs im Schwimmbad Sestola; anschließend im Wald Bau provisorischer Tragen etc.. Dazu noch Navigation mit dem Kompaß und Routenplanung.

  • Sonntagvormittag: Vorbereitungstour mit vollem Marschgepäck.

  • Montagabend: Abschlußbesprechung und Fertigstellung der Routenplanung.

Uns hat es etwas, und die anderen Obereggnener schon sehr gestört, daß wir so viel getrennt waren und dadurch sehr wenig Zeit für gemeinsame Unternehmungen hatten, insbesondere auch wenig Zeit für unsere russische Partnergruppe aus Kimry. Für die Dreitagestour war es okay.

Als wir am Sonntag nach dem ökomenischen Gottesdienst zur Vorbereitungstour aufbrachen, brannte die Sonne so richtig voll vom Himmel. Wir begriffen den Sinn unseres Tuns: Gewöhnung an den schweren Rucksack, Marschtempo einhalten. Kochen, Wetterkunde und Regeln für das Verhalten in der Natur ergänzten das Lehrprogramm.

An unserem letzten Rastplatz kamen auch die Gruppen der gleichzeitig stattfindenden Orientierungstour vorbei. Als wir hörten, daß sich manche Gruppen bis zu drei Stunden im Gelände verlaufen hatten, kamen uns Bedenken, ob wir unsere so intensiv ausgearbeiteten Wege auch finden würden. Am Abend waren wir uns sicher, daß es anstrengend werden würde – aber auch, daß wir es schaffen könnten.

Auf dem Weg zum Monte Cimone: Riesenschlangen und Murmeltiere

Am Dienstagmorgen in der zweiten Woche wurden wir schließlich per Bus an unseren Ausgangsort Canevare, 900 Meter über „Normalnull“, gefahren. Die Tour begann gleich mit einer brutalen und langen Steigung, so daß unser Daniel fast aus den Latschen kippte. Wie sich bald herausstellte, waren dies aber lediglich „Startschwierig­keiten“, später marschierte er wie ein Salzmann.

Nach zwei Stunden standen wir dann an einer vielarmigen, auf unserer Route nicht vorgesehenen Kreuzung. Eine profihafte Peilung mit dem Kompaß auf den Monte Cimone zeigte uns unseren Standort abseits der Route. Nun steuerten wir unseren Weg nach Marchzahl an und gingen auf dem kürzesten Weg darauf zu.

Wer auch noch fast aus den Schuhen gefallen wäre, war unser Thomas, der gleich nach dem ersten Kilometer auf einem schmalen Trampelpfad einer Riesenschlange auf den Schwanz trat. Sie wedelte wild und schlug Ralf an das Schienbein. Bißschäden konnten bis heute nicht festgestellt werden.

Mörderisch war auch das Erklimmen einer steilen Skipiste bei dieser sengenden Sonne. Hier wurde uns bewußt, was wir so alles im Rucksack hatten: Neben der Kleidung, dem Schlafsack und der Isomatte sechs Liter Trinkwasser und aufgeteilt die Gruppenutensilien wie sechs Laibe Brot, sechs Liter Kochwasser, zwei Kocher, zwei Zeltplanen, ein Klappspaten, mehrere Seile, Müllbeutel, eine Dose mit sechs Kilogramm Gulasch etc.

Gegen 15 Uhr erreichten wir das Ziel der ersten Tagesetappe oberhalb der Baumgrenze auf 1750 Meter. Wir suchten einen günstigen Wind, der nach Sonnenuntergang pfiff. Eine Stunde später trafen auch die Gruppen Seifhennersdorf und Kieselbronn ein, die auf getrennten Wegen marschiert waren.

Umgeben von pfeifenden Murmeltieren kochten wir unser Abendessen „Gulaschsuppe mit Brot“, hatten einen lustigen Abend miteinander und krochen gegen 23 Uhr unter die Zeltplane. Den beiden ungarischen Jugendlichen, die bei Kieselbronn mitmarschierten, hatte man wohl etwas nicht richtig übersetzt, denn sie hatten keinerlei Verpflegung dabei. Satt sind sie aber trotzdem geworden... Auf dem Thermometer konnten wir verfolgen, wie die Temperatur ab 19 Uhr alle 15 Minuten um ein Grad fiel, um 23 Uhr hatten wir noch zehn Grad.

Rückweg im Regen

Zusammen mit den Kieselbronnern erreichten wir am nächsten Morgen den Gipfel des 2165 Meter hohen Monte Cimone. Dichter Nebel erschwerte uns die Orientierung beim Anstieg beträchtlich und ließ einige Ängste aufkommen, da wir auf einem schmalen Grat liefen, links und rechts ging es uneinsehbar in die Tiefe. Wir hatten die schwierigste Route gewählt, 300 Meter Steigung auf 750 Meter Luftlinie.

Auf dem Gipfel waren wir über dem Nebel, aber noch unter leichten Wolken. Hier trennten sich unsere Wege: Kieselbronn, nur für zwei Tage unterwegs, machte sich auf den Rückweg, und wir zogen über den Höhenpaß in nordöstlicher Richtung zu unserem nächsten Lagerplatz, dem Passo Serre (1500 Meter). Der unterwegs einsetzende Regen senkte die Moral der Truppe beträchtlich, jeder wollte heim. Erst als wir die abends zuvor mühsam in leere Wasserflaschen umgefüllte Gulaschsuppe endlich im Topf hatten, stieg mit den heißen Genüssen auch wieder die Stimmung.

Trotz Regen – ein einmaliges Erlebnis

Das Frühstück am dritten Tag verbrachten wir in richtig dicken Wolken. Hinzu kam unser eigener Mief und die echt dicke Luft von Kais Socken.

Immer wieder einsetzende Schauer begleiteten uns auf den letzten 16 Kilometern, und mit einem erlösenden Freudenschrei betraten wir den Hof des geliebten Castello di Sestola.

Daß wir die erste deutsche Jugendgruppe sind, die die Dreitagestour („Silbertour“) nach den Regeln des Internationalen Jugendprogramms abgeleistet hat, macht uns besonders stolz. Es war eine erlebnisreiche, lustige Unternehmung, die uns kameradschaftlich viel gebracht hat und die wir sofort wieder durchziehen oder ergänzen würden.

Herzlichen Dank an Klaus und Rainer und alle anderen Beteiligten für dieses einmalige Erlebnis.

Quelle: Hydrant 4/1994