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München: Bronzetour im Allgäu 2005

Allgäu-Tour: „Die Rollen klar verteilt“

Teilnehmerbericht von Danny Williamson, Europäische Schule München

Textnummer: 548802

Erstellt am 2005/08/03, zuletzt geändert am 2008/09/02

Es gibt einen Navigator, einen Wasserträger, einen Koch, einen Arzt und zuletzt, doch nicht minder wichtig, der von uns genannte „Pooper-Scooper“, dessen Funktion es ist, Löcher für die wichtigsten Geschäfte des Menschen zu graben.

Es gibt einen Navigator, einen Wasserträger, einen Koch, einen Arzt und zuletzt, doch nicht minder wichtig, der von uns genannte „Pooper-Scooper“, dessen Funktion es ist, Löcher für die wichtigsten Geschäfte des Menschen zu graben.

MÜNCHEN, 10. JULI 2005 – Da haben wir den ersten Tag der Sommerferien und mich weckt unsanft der verdammte Wecker! Was ist hier los ? Als ich aus dem Fenster schaue wird mir wieder klar: Wir dringen in den nächsten beiden Tagen tief in die gefährlichen Weiten des Allgäuerischen Dschungels. Das Wetter trägt nicht gerade zu meinem morgendlichen Optimismus bei. Doch nach der ersten Überwindung der Müdigkeit finde ich mich schnell mit meinem 16 Kilo schweren „Überlebensrucksack“ auf dem Zug gen Westen. Dort kommen wir nun endlich zusammen: unser eingespieltes Team. Das „eingespielt“ gilt übrigens nicht fürs Kartenspiel. Da verzocken zwei unserer Mitglieder ihr ganzes Kleingeld beim Poker.

Doch Geld ist nicht das einzige, was uns verloren geht. Beim Aussteigen fällt unbeachtet ein Schuh runter. Nach munteren 600 Metern Anfangslauf bemerkt der Besitzer des Schuhs seine Abwesenheit. Mit dem anderen Schuh in der Hand läuft er zurück zum Zug. Dieser war schon wieder abgefahren und so wirft er aus lauter Verzweifelung auch den anderen weg. Was er zu diesem Zeitpunkt nicht wissen kann ist, dass einer der Aufsichtspersonen den Schuh vom Zug noch mitgebracht hatte. Tja, PG: Pechgehabt! Das Glück scheint ihn nun wirklich an diesem ersten Tag verlassen zu haben. Außerdem muss er sich den Naturgewalten geschlagen geben. Seiner Thermosflasche geht es zuweilen noch schlechter als ihm und diese muss entsorgt werden. Er findet sich zwei mal in schlammigen Vertiefungen wieder, als wir zum Ende des ersten Tages völlig verloren umher irren...

Das Navigieren geht ohne unseren schon im Urlaub geflogenen Franzosen-Spezialisten Chandy gar nicht mal so schlecht wie befürchtet. Aber manchmal hilft eben nur der gesunde englische Verstand. So kommen wir, nachdem wir lange durch einen dunklen Wald gelaufen sind, in eine Lichtung. Ringsherum sind Stachelzäune und Moore. Man fühlt sich zunächst in etwa wie Robinson Crusoe, doch bald darauf beginnt die Psyche „verschollen“ zu spielen. Jeder noch so lahme Witz ist jetzt ein Volltreffer. Doch Gott sei Dank gibt es Kirchen: was zunächst etwas ironisch von unserem edlen Sprüchereißer gemeint ist, enttarnt sich bald als Möglichkeit zur Rückkehr in die Zivilisation. Den Glocken folgend sehen wir bald darauf die beiden Labertanten der anderen Mannschaft zu uns hinüber winken. Ein – na ja – ziemlich gutes Zeichen.

Bald darauf sitzen wir gemütlich in unseren Zelten und genießen die kulinarische Kochkunst unseres „Chefs“. Überhaupt sind die Rollen klar verteilt. Es gibt einen Navigator, einen Wasserträger, einen Koch, einen Arzt und zuletzt, doch nicht minder wichtig, den von uns genannten „Pooper-Scooper“, dessen Funktion es ist, Löcher für die wichtigsten Geschäfte des Menschen zu graben. Nach kurzem Spaß am Elektrozaun legen wir uns müde ins Zelt und machen uns auf eine, ehem, „erholsame“, Nacht gefasst.

Das Einschlafen geht schon ganz gut. Doch als um 3:13 Uhr mein Mitbewohner aufs Klo geht, dabei über die Zelt-Befestigungen stolpert und es so zum Einsturz bringt, kriegen mich keine zehn Pferde wieder zum Einschlafen. So sitzen wir in der eisigen Kälte, trinken eine heiße Schokolade und überlegen, in wessen Schuh die soeben gefundene Schnecke wohl wandern will. Nach einem Grießbrei bei Sonnenaufgang gesellt sich Thomas zu uns, der mit dem etwas unglücklichen Moritz in einem Zelt verweilt. Er war auch nicht in der besten Laune, da sein Mitbewohner Kuh-Exkrement auf das Hosenbein bekommen hatte. Den Geruch im Zelt kann man sich ja vorstellen.

Je mehr die Sonne über die Waldspitzen schaut, desto schneller verschwindet der Nebel. Langsam beginnt sich in diversen Zelten etwas zu bewegen. Wir hätten das ja auch getan, wenn wir unser Zelt nicht bereits um 4:30 Uhr abgebaut hätten. Nach etwas Kneulerei über nasse Schuhe und eine komische Paste mit kleinen Schale-Teilchen auf der Socke (sie wäre fast entkommen) machen wir uns zum finalen Tag auf den Weg. Anfängliche Schwierigkeiten sind schnell überwunden und in alter Bestform bewegen wir uns munter dem Ziel entgegen.

Doch dann, zehn Minuten außerhalb des Waldes, fängt das große Jammern an. Die Sonne prasselt mit Kraft auf uns und unseren strapazierten Rücken. Ich und mein Navigator-Assistent fühlen uns schon richtig wie Eltern mit Kindern im Auto. Wir hören von hintern nur noch: „Wann sind wir endlich da?“ oder „Ich brauch was zu trinken.“ Doch wir entwickeln schnell eine Gegentaktik und versichern immer, dass das, was noch in der Ferne zu sehen ist, schon unser Endziel sei. So erhalten wir die Motivation und jedes Mal, wenn etwas mehr ins Blickfeld gerät, ändert sich das Ziel. So scheinen wir uns trotz schnellem Gang dem Finish nicht zu nähern. Eine geschickte optische Illusion eben.

So ist es nur Formsache, bis wir uns auf dem Rückweg befinden. Erschüttert darüber, dass alle anderen Mannschaften den Weg aus dem wilden Allgäu gefunden hatten, setzen wir uns mit der Hoffnung, etwas von dem Verlorenen wieder zu erhalten, in den Zug. Für mich geht es lediglich um Gewinnsteigerung. Moritz, unser Unglücksrabe, hat heimlich darauf gehofft, den Schuh vielleicht einmal wieder zu sehen. Obwohl wir uns alle auf die wohlverdienten Ferien freuen, sind wir uns über eine Sache alle einig: Es war ein tolles Erlebnis und eine schöne Erfahrung. Auch wenn nicht jeder wieder mit lächelndem Gesicht zuhause empfangen werden würde…