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Die Odenwälder Ochsentour, ein Drama in fünf Akten. 1. Akt: Hörnli

von Karsten Vogel, Tübingen

Textnummer: 672000

Erstellt am 2009/06/01, zuletzt geändert am 2009/06/25

Karsten Vogel widmet der deutsch-schweizerischen Gold-Probetour, die im Rahmen von „Odenwald 2009“ durchgeführt wurde, eine ganze Artikelserie. Der „1. Akt“ beschäftigt sich mit den letzten Vorbereitungen am Abend vor dem Beginn der viertägigen „Ochsentour“.

von Karsten Vogel, Tübingen

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Karsten Vogel widmet der deutsch-schweizerischen Gold-Probetour, die im Rahmen von „Odenwald 2009“ durchgeführt wurde, eine ganze Artikelserie. Der „1. Akt“ beschäftigt sich mit den letzten Vorbereitungen am Abend vor dem Beginn der viertägigen „Ochsentour“.

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Donnerstag, 21. Mai im Jahr 2009. High Noon. Im Tal des Todes. Wir wissen, dass wir es nicht schaffen können. Wir sind am Ende…über 20 Kilometer haben wir bereits zurückgelegt an diesem schwül-heißen Tag, uns bereits zweimal richtig verlaufen - aber immer noch liegen zehn Kilometer vor uns – und jetzt noch dieser unmöglich steile Anstieg. Einen Mann haben wir bereits verloren. Und wir wissen nicht, wo wir sind – wir wissen nicht, wo wir sind...

– Doch von Anfang an. Ich möchte aus meiner Perspektive berichten, was alles geschehen ist auf unserer Odyssee, der „Probeexpedition“ für unsere Goldtour, und wie wir überlebten, um davon zu berichten. Mit „wir“ meine ich natürlich „uns“, ich meine, „mich“, Karsten vom deutschen Jugendprogramm-Team sowie meine Mitstreiter: die Mitarbeiter bzw. ehemaligen Bewohner des Schweizer Schulheims „Röseren“ Fabienne, Matthias, Oli und Prisca. Man könnte uns dabei, alle zwischen 19 und 23 Jahren alt, durchaus als „Altherren- bzw. -weibergruppe“ unter den Jugendprogramm-Teilnehmern bezeichnen.

In Kontakt sind wir erstmals bei der letztjährigen Sommerschule in Osterburken getreten, die von Oli und Fabienne für ihr Gold-Projekt genutzt und von mir auf Helferseite begleitet wurde. In der Zwischenzeit haben die Schweizer die Route selbst geplant; die Kommunikation Osterburken-Basel gestaltete sich oft schwierig. So kommt der Erstkontakt aller Gruppenmitglieder erst am Dienstag, 19. Mai, dem Tag vor Tourbeginn, zustande. Ich bin nachmittags aus Tübingen angereist, jetzt am Abend treffen endlich auch meine vier Mitstreiter und Roland, Programmleiter im „Röseren“ und Jugendprogramm-Urgestein, in der Alten Bahnmeisterei in Osterburken ein.

Ich muss es zugeben, auf den ersten (und zweiten) Blick erscheint mir die geplante Route durchaus vernünftig: Beginnend im Hessischen Breitenbronn, werden wir uns durch den Odenwald bis nach Osterburken, der „Hauptstadt“ des deutschen Jugendprogramms, durchkämpfen und dabei den Hessischen, Bayrischen und Baden-Württembergischen Teil des Odenwalds kennenlernen. Der Wahnsinn der Etappeneinteilung entgeht mir glatt, obwohl Matthias mit mir zusammen die Route durchgeht. Denn es gibt einen Haken: da die Schweizer am Samstag noch zurück in die Heimat fahren wollen, haben sie für die letzte Etappe nur sieben Kilometer eingeplant – und, da diese Probetour der Schweizer Gründlichkeit gemäß einer „richtigen“ Expedition entsprechend die vollen 80 Kilometer einer Gold-Tour ausschöpfen soll, wurde das übrige Streckenpensum entsprechend „großzügig“ auf die übrigen Tage verteilt. So wird uns beispielsweise am zweiten Tag eine Mordstour von 29 Kilometern bevorstehen. Doch, wie gesagt, von alldem ahne ich zu diesem Zeitpunkt noch nichts – ich werde mich später noch oft genug ärgern, keinen tieferen Blick auf die Streckentabelle geworfen zu haben.

Wir haben auch andere Sorgen: eine Zielsetzung für unsere Tour ist noch zu finden, die Verpflegung auf die Rucksäcke zu verteilen. Die Zielsetzung kostet uns dabei geschlagene fünf Minuten Bedenkzeit. Mehr oder weniger zufällig verläuft die geplante Route über weite Strecke am Limes entlang, dem alten römischen Grenzwall, der einst das Imperium Romanum gegen die germanischen „Barbaren“ schützte (Prisca: „wuo isch dänn jetz des Bächli Limes?“). Natürlich werden wir die Überreste dieses Bauwerks erkunden. In Hessen folgt unsere Route dabei ziemlich genau dem im ersten Jahrhundert nach Christus unter Kaiser Hadrian errichteten Neckar-Odenwald-Limes, später werden wir im badischen Teil der Strecke auf den aus dem zweiten und dritten Jahrhundert stammenden Obergermanisch-Raetischen Limes stoßen, der uns hoffentlich sicher zurück nach Osterburken führen wird.

Beim Packen der Rucksäcke treten alsbald die ersten deutsch-schweizerischen Kulturunterschiede zutage: als Oliver mir die Verpflegung aufzählt, denke ich doch glatt, die verrückten Schweizer hätten tatsächlich für vier Tage Croissants als Hauptverpflegung gekauft („Hörnli“ sind in Wirklichkeit Schweizer Hörnchennudeln). Jedenfalls ist die täglich eingeplante Zubereitung frischer Mahlzeiten auf der Tour für mich etwas völlig neues - bei meinen bisherigen Jugendprogramm-Expeditionen bin ich eigentlich nie mit etwas anderem als der einschlägigen Fertigpasta in Berührung gekommen. Neben den bereits erwähnten „Hörnli“, Reis und einem reichlichen Vorrat an „Farmern“ (Müsliriegel schweizerischer Herkunft) verstauen wir speziell für die warme Küche auch frische Zucchini, „Mörli“, Speckwürfel, Parmesan (ungerieben), Pfeffer, Salz, Chili und und und … verhungern werden wir jedenfalls nicht. Natürlich ist auch das Schweizer „Sackmesser“ für alle Gruppenmitglieder obligat. Alles in allem fühlen wir uns sicherlich gut gerüstet. Voller Vorfreude (ob das allen so geht? Aber davon in den nächsten Tagen mehr...) zeitig ins Bett – wir wissen ja, dass der nächste Tag hart wird. Und dabei hat doch keiner die leiseste Ahnung, was uns tatsächlich bevorsteht... Fortsetzung folgt.