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Die Odenwälder Ochsentour, ein Drama in fünf Akten. 2. Akt: Säbelzahneichhörnchen und Wisenten

von Karsten Vogel, Tübingen

Textnummer: 672100

Erstellt am 2009/06/01, zuletzt geändert am 2009/07/03

Der „2. Akt“ der Artikelserie von Karsten Vogel zur deutsch-schweizerischen Gold-Probetour, die im Rahmen von „Odenwald 2009“ durchgeführt wurde, hat den ersten Tag der viertägigen „Ochsentour“ zum Inhalt, der zu Begegnungen ganz unerwarteter Art führte…

von Karsten Vogel, Tübingen

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Der „2. Akt“ der Artikelserie von Karsten Vogel zur deutsch-schweizerischen Gold-Probetour, die im Rahmen von „Odenwald 2009“ durchgeführt wurde, hat den ersten Tag der viertägigen „Ochsentour“ zum Inhalt, der zu Begegnungen ganz unerwarteter Art führte…

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Der Mittwoch, unser erster Expeditionstag, beginnt mit einem reichlichen Frühstück in der Alten Bahnmeisterei. Mit ebenfalls „reichlicher“ Verspätung (die uns in den nächsten Tagen treu erhalten bleiben und uns noch manches Mal fast zum Verhängnis werden wird) fährt uns dann Roland, der in den nächsten vier Tagen auch Aufsicht spielen wird, zu unserem Startpunkt in Breitenbronn. Auf der Fahrt im gelben „Büsli“, dem wir den Spitznamen „Gelber Blitz“ verleihen, treffen wir letzte Vorbereitungen: ein letztes Mal vor Tourbeginn gehen wir im Kopf die Route ab (ist mir zu dem Zeitpunkt schon klar, dass der für den zweiten Tag geplante Gewaltsmarsch von 29 Kilometern in die Hose gehen kann? - Ich weiß es nicht mehr...), Füße werden getaped – vor allem aber erwählen wir unser Teammaskottchen, Säbelzahneichhörnchen „Scrat“, das uns in den nächsten Tagen treu zur Seite stehen und, von Fabiennes Rucksack aus zurückblickend, zuverlässig die Nachhut bilden wird.

In Breitenbronn angelangt, nehme ich mutig-forsch die Karte in die Hand und schicke mich an, die Gruppe zielgenau um 180 Grad in die falsche Richtung zu lotsen – würde Matthias mir nicht rechtzeitig auf die Finger klopfen. Peinlich! Jedenfalls steht uns nun erstmal ein steiler Anstieg bevor, bei dem sich auch schon eines der Schlüsselprobleme der nächsten Tage abzeichnet: während die eine, bereits expeditionserprobte Hälfte der Gruppe, freudig voranstürmt, machen dem hinteren Teil wohl weniger Fitness- als vielmehr bereits erste Motivationsprobleme zu schaffen. Jedenfalls kostet es uns einige Mühe, ein gemeinsames Gruppentempo zu finden.

Das ist jedoch nicht das größte Problem. Für unsere Zielsetzung wollen wir, wie gesagt, Türme, Kastelle und Bäder aus der Römer-Zeit fotografieren und dokumentieren. Wir wissen, dass wir dafür diesen ersten Tag extensiv nutzen müssen, da wir später nur noch sehr selten in die Nähe der römischen Ruinen kommen werden. Nun verläuft aber unsere geplante Route nicht exakt entlang der Limes-Wanderwege. So stehen wir vor der Wahl, entweder für jedes „Föteli“ (= schwyzerdütsch für Fotoapparat, nicht zu verwechseln mit „Fötele“ = fotografieren oder gar dem „Füti“, dem Gesäß) einen längeren Umweg in Kauf zu nehmen, oder aber unseren Weg entsprechend abzuändern. Da wir ohnehin schon verspätet gestartet sind, wollen wir hier nicht allzu viel Zeit verlieren und entscheiden uns für letzteres.

Und schon gibt es neue Probleme: zwar sind alle römischen Ruinen auf der Karte verzeichnet, aber in welchem Zustand sie sich befinden, steht dahin. So kommen wir bald zum ersten „Kastell“ und finden – eine Rutsche, ein Baumhaus und einen Kaninchenstall – nur ein paar Gräben und Erdwälle lassen sich noch mit etwas gutem Willen als Überreste des antiken Gebäudes interpretieren. Immerhin, wir finden auch einen steinernen, scheinbar stark verwitterten Sesselkreis – der entpuppt sich aber bei näherer Recherche (bei der Pinkelpause stoße ich auf ein etwas abgelegenes Hinweisschild) als pseudoantiker Tand aus der Romantik. So schießen wir nur ein paar Beweisfotos – Maskottchen Scrat darf freilich nicht fehlen – danach ein kleines zweites Frühstück, und weiter geht's.

Und dann geht es plötzlich nicht mehr weiter. In der Zwischenzeit haben wir weiterer römische Ruinen aufgesucht – wie beim Kastell war außer ein paar Erdhaufen nichts mehr zu entdecken – und wollen nun eigentlich zurück auf unsere ursprünglich geplante Route. Aus. Ein verriegeltes Tor versperrt den Weg; quer durch den Wald spannt sich stacheldrahtbewehrter Zaun. Nirgendwo ein Hinweis- oder Warnschild. Auf der Karte ist der Zaun jedenfalls nicht verzeichnet. Was sollen wir tun? Kurz gehen wir im Kopf unsere spärlichen Kenntnisse der deutschen Gesetze durch. Leider muss ich zugeben, dass meiner Erfahrung nach Stacheldrahtzäune normalerweise aufgestellt werden, um eine Durchquerung zu verhindern (wir Deutschen kennen uns mit so etwas ja aus...). Müssen wir also einen weiteren Umweg machen und noch mehr kostbare Zeit verlieren? Wir liegen zeitlich bereits weit zurück. Glücklicherweise hat Oli den rettenden Einfall: da unsere Gruppe zu vier Fünfteln aus Schweizern bestand, muss für uns eigentlich auch Schweizer Recht geltend gemacht werden können. Damit kennen wir uns zwar auch nicht so richtig aus, aber wir ringen uns zu der Erkenntnis durch, dass diejenigen, die den Zaun aufgestellt haben, mit Sicherheit ein Verbotsschild angebracht hätten, wenn sie gegen das Übersteigen etwas einzuwenden gehabt hätten. Der Zaun ist also ziemlich sicher (nach schweizerischer Rechtsprechung) nur zur Dekoration da.

So beginnt unsere „Bergtour“. Nun heißt es, die Rucksäcke absetzen, die Kletterfreudigeren voraus und dann den anderen hinüber helfen. Wenn das mal keine kooperative Erlebnispädagogik ist! Zum Glück geht auch – abgesehen von ein paar zerrissenen Hosen – alles gut. Und es geht doch weiter. Zumindest für ca. anderthalb Kilometer – schon stehen wir wieder vor einem verschlossenen Tor. Nun wird uns doch etwas mulmig – dürfen wir hier überhaupt sein? Jedenfalls können wir uns den Zeitverlust, den ganzen Weg zurückzugehen und dann noch mal zusätzlich einen längeren Umweg in Kauf zu nehmen, nicht leisten. Also noch einmal das selbe Spiel – Rucksäcke abschnallen, hinüberklettern, weiter. Allmählich bekommen wir Übung. Und kaum hundert Meter weiter – das nächste Tor. Dasselbe Spiel. Nach und nach dämmert uns auch, wo wir sind, als wir nämlich zunächst über ein abgeworfenes Hirschgeweih stolpern und plötzlich in nächster Nähe eine Horde (Rudel? Herde?) Rehe entdecken, die sich in aller Ruhe am Gras gütlich tut. Wir sind im Tierpark gelandet! Schon kommt uns von links ein höllischer Gestank entgegen, wo mehrere Wisenten uns misstrauisch beäugen (dabei von Groß nach Klein aufgereiht wie die Kirchenorgeln), auf der rechten Seite suhlen sich Wildschweine im Schlamm. Alles natürlich ganz nett, aber erwischen wollen wir uns jetzt gerade nicht lassen. Also nichts wie weiter! Natürlich ist unsere Bergtour noch lange nicht zu Ende – wenn wir über drei Zäune ins innere des Parks gelangt sind, muss es logischerweise über drei weitere Zäune auch wieder hinaus gehen. Und so ist es dann auch.

Nun haben wir aber wirklich ein Zeitproblem! Durch die aufwendige Zaunkletterei sind wir inzwischen mehr als zwei Stunden im Verzug. Trotzdem machen wir eine kurze Rast, um wieder zu Kräften zu kommen. Dann aber eilig weiter – und schon haben wir uns verlaufen. Wir müssen den Wald erst verlassen, um uns wieder orientieren zu können. So lernen wir eine andere Tücke des Odenwalds kennengelernt: die Realität und die Karte sprechen oft eine andere Sprache. Auf der Karte sind Wegeverzeichnet, die längst zur Unkenntlichkeit zugewachsen sind, andererseits gibt es viele neue Forstwege, die auf der Karte fehlen. Ein teuflisches Labyrinth! Der Rückweg zur Route kostet uns mindestens eine weitere Stunde. Und dann die nächste Verzögerung – in der Siedlung, wo wir eigentlich unser Wasser für das Abendessen und den nächsten Tag besorgen wollten, ist niemand anwesend. Also heißt es, den Wasserkanister schnappen und ab ins nächste Dorf. Da einige in der Gruppe schon Fußprobleme haben, übernehmen Fabienne und ich diese Aufgabe. Und dann den Kanister fünf Kilometer bis zu unserem Biwakplatz schleppen! Diesen Planungsfehler wird von uns sicherlich niemand mehr machen.

Der weitere Weg ist relativ ereignislos, wenngleich anstrengend. Besonders Matthias hat inzwischen ernsthafte Gehschwierigkeiten – ob er sich bei unserer „Bergtour“ vertreten hat? Mit dem Kanister wechseln wir uns ab; zum Glück hat Fabienne den Einfall, eine Schnur durchzuspannen, so dass wir ihn jeweils zu zweit transportieren können. Na ja, immerhin finden wir noch ein paar anständige Ruinen. Prisca fotografiert einen römischen Wachturm, ich knipse ein paar Bilder von einem schön erhaltenen Römerbad. Und endlich erreichen wir unser Ziel, idyllisch gelegen zwischen zwei Seen. Schon wird es dunkel. Eilends spannen wir unser Tarp auf und bauen unsere Kocher auf. Als das Wasser zu brodeln beginnt, ist es bereits dunkel; wir müssen im Licht der Taschenlampen kochen (heute sind Oli und Matthias dran und zaubern uns leckere „Hörnli“ mit Tomatensoße) und essen. Roland kann es kaum glauben, als wir ihm mitteilen, dass wir „schon“ im Ziel sind („Was? Jetzt erst? Ernsthaft?“).

Kurz darauf liegen wir in unseren Schlafsäcken und das sanfte Quaken der Frösche wiegt uns in den Schlaf. Kurz, bevor ich einschlafe, treiben mich noch stark gemischte Gefühle um: Einerseits haben wir viel erlebt an diesem Tag – und wir haben es geschafft. Auch das Wetter hat bislang mitgespielt; es war warm, aber nicht zu heiß, und geregnet hat es auch nicht. Andererseits: mir – und ich denke, uns allen – wird jetzt erst richtig bewusst, was eine 29-Kilometer-Etappe, wie wir sie morgen geplant haben, bei einer Vier-Tages-Tour eigentlich bedeutet. Die Schweizer haben mit Sicherheit unterschätzt, wie tückisch die Waldwege im Odenwald sind: wenn man sich einmal verlaufen hat, fällt es inmitten von Bäumen sogar mit Karte und Kompass unglaublich schwer, sich zu orientieren. Unser letzter kleiner Umweg war kein gutes Omen – heute sind mit Limessuche, Verlaufen und Wasserholen aus 21 eben 25 Kilometer geworden. Aber was machen wir, wenn aus den knapp 30 Kilometern 35 oder sogar 40 werden? Zu allem Überfluss sagt der Wetterdienst für die nächsten Tage Gewitter und Stürme voraus. Und Matthias' Fußschmerzen sind inzwischen nur noch mit Tabletten auf ein erträgliches Maß zu bekommen... Fortsetzung folgt.