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Die Odenwälder Ochsentour, ein Drama in fünf Akten. 3. Akt: Im Tal des Todes

von Karsten Vogel, Tübingen

Textnummer: 674701

Erstellt am 2009/07/08, zuletzt geändert am 2009/09/05

Der dritte Teil der Artikelserie von Karsten Vogel hat den zweiten Tag der viertägigen deutsch-schweizerischen Gold-Probetour im Rahmen von „Odenwald 2009“ zum Inhalt, an dem die stimmungsmäßige Talsohle der Unternehmung erreicht wurde.

von Karsten Vogel, Tübingen

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Der dritte Teil der Artikelserie von Karsten Vogel hat den zweiten Tag der viertägigen deutsch-schweizerischen Gold-Probetour im Rahmen von „Odenwald 2009“ zum Inhalt, an dem die stimmungsmäßige Talsohle der Unternehmung erreicht wurde.

***

Dienstagmorgen, der zweite Tag unserer Tour. Wir werden von Donnergrollen aus dem Schlaf gerissen. Der Himmel ist wolkenverhangen. Oh je! Aber davon lassen wir uns die gute Laune nicht verderben. Also schnell aufgestanden, Tee gekocht, gefrühstückt und weiter geht die Reise. Matthias' Fußprobleme haben in der Nacht noch zugenommen, aber er meint, dass es mithilfe der Pharmaindustrie schon gehen wird. Déjà Vu – schon nach ein paar Metern stehen wir wieder vor einem Zaun! Diesmal gibt es aber zum Glück eine Stiege für Wanderer. Kurz darauf spüren wir die ersten Tropfen und ein starker Wind kommt auf. Alle Zeichen stehen auf Sturm! Nichts wie weiter. Doch schon nach nicht einmal ganz einer Stunde Marsch haben wir uns schon wieder verlaufen! Wir wissen nur, dass wir irgendwie bergab ins Tal müssen. Matthias' Handicap hält uns zu diesem Zeitpunkt schon extrem auf, aber auch wir anderen haben leichte Gehbeschwerden (ich schiebe es auf das gestrige Wasserschleppen). Bald haben sich vier der fünf Gruppenteilnehmer mit einem Wanderstock bewaffnet, um die Kniegelenke bergab etwas zu entlasten.

Immerhin hält das Wetter – es klart sogar auf! Und schließlich schaffen wir es doch, wenn auch im Schneckentempo, ins Tal. An einem Gehöft können wir uns wieder orientieren, aber es ist uns allen klar, dass es so nicht weitergehen kann. Matthias' Verletzung ist für uns alle eine Belastung, wissen wir doch, wie eng unser heutiger Zeitplan (noch einmal: 29 Kilometer sind eingeplant und einen längeren Umweg haben wir bereits hinter uns) gesteckt ist. Bei unserem jetzigen Tempo können wir es auf keinen Fall schaffen. Noch wollen wir aber nicht aufgeben; Matthias beißt die Zähne zusammen. Erst nach weiteren anderthalb Kilometern müssen wir uns eingestehen, dass für ihn die Tour erstmal gelaufen ist. Direkt vor uns liegt der steilste Anstieg unserer gesamten Route, dabei kommen wir jetzt im Tal schon kaum voran. Matthias meint selbst, dass er die Schmerzen kaum noch aushalten kann. Da wir (wie fast immer auf unserer Tour) keinen Handy-Empfang haben, fragen wir beim nächsten Bauernhof an und alarmieren von dort telefonisch den „Gelben Blitz“, das Büsli unserer Überwacher.

Nach etwa einer halben Stunde kommen die Betreuer angerollt. Neben Roland ist Christian mit von der Partie, der ebenfalls im Röseren arbeitet und am vorherigen Abend zusammen mit einer Schweizer Silbergruppe angereist ist, außerdem mein Vater, der für diese Probetour die Gutachterrolle innehat. Roland bietet uns an, mit dem Bus nicht nur Matthias in die Bahnmeisterei, sondern uns alle den Berg hinauf zu fahren; schließlich haben wir so oder so eine Tagesetappe vor uns, die an Kilometern die normalen Gold-Anforderungen weit übersteigt. Kurz sind wir uns uneins, ob wir annehmen sollen. Bei einer richtigen Goldexpedition müsste ein solcher Eingriff das Ende der Tour bedeuten. Außerdem sind mir persönlich alle Eingriffe von außen in die Gruppe unangenehm: wir haben die Route als Gruppe so geplant und getragen, dann müssen wir auch mit den Konsequenzen leben.

Andererseits: es ist eben nur eine Probetour, die wir hier durchführen. Wir sollen hier ja lernen, wie es richtig geht und beweisen, dass wir den Bedingungen der Tour prinzipiell gewachsen sind. Zudem haben wir zu diesem Zeitpunkt alle schon starke Gehprobleme. Ohne Matthias sind wir nur vier Teilnehmer, das heißt, würde noch jemand verletzungsbedingt ausfallen, wäre die Tour für alle gelaufen. Man muss sein Schicksal ja nicht herausfordern. Also sagen wir zu.

Bei der Busfahrt wird uns schnell allen klar, dass wir die richtige Entscheidung getroffen haben. Was für ein Buckel! Nach nicht mal zehn Minuten werden wir wieder auf unsere Route entlassen. In der Gruppe herrscht gemischte Stimmung: Dass Matthias nicht mehr dabei ist, ist schade und könnte für die Gold-Tour noch ein Problem werden; wie hoffen nur, dass er später wieder zu uns stoßen kann. Auf der anderen Seite können wir jetzt ein bisschen Tempo machen. Ich bin jedenfalls zum ersten Mal seit unserem Start heute Morgen wieder optimistisch gestimmt.

Aber schnell wird klar, dass auch jeder von uns Übriggebliebenen an seinem Päckchen genug zu tragen hat. Alle vier von uns haben inzwischen starke Gehprobleme. Außerdem ergibt sich ein gruppendynamisch eher ungutes Bild, das aber in den nächsten drei Tagen noch oft zu sehen sein wird: Fabienne und ich stürmen voraus, Oli und Prisca folgen uns in einigem Abstand. Natürlich wäre es besser, dicht zusammenzubleiben, aber ich kann mich gerade beim besten Willen nicht auf ein anderes Tempo einstellen. Immerhin sind wir vernünftig genug, an jeder Abzweigung und Kreuzung zu warten und unsere Entscheidungen in der Gruppe zu treffen.

Im Nachhinein bin ich heute ziemlich sicher, dass die beiden unterschiedlichen Tempos in der Gruppe einer der Hauptgründe für die ganzen Probleme sind, die uns bald bevorstehen werden. Es fängt noch relativ harmlos an, als die „hintere Reihe“ eine Pause fordert. Das geht auch für mich noch in Ordnung. Nun ja. Ehrlich gesagt, innerlich verfluche ich die beiden, weiß ich doch, dass meine Fußschmerzen unter Kontrolle sind, solange ich laufe – aber schier unerträglich werden, wenn ich nach einer kurzen Pause den Rucksack wieder anschnallen muss. Wir hatten in den letzten Stunden so viele Zwangspausen – muss das wirklich schon wieder sein? Aber natürlich haben die beiden Recht. Zum ersten Mal heute sind wir uns auf der Karte über eine längere Strecke ganz sicher gewesen, wo wir uns befinden. In der Nähe sind ein paar gefällte Baumstämme, die prima Sitzmöglichkeiten bieten. Die Fichten spenden uns angenehmen Schatten. Und es wird eigentlich doch auch mal Zeit für ein Vesper.

Also Pause! Vor der Mahlzeit klären wir schnell die Route ab. Seit unserer Busfahrt war ich ein paar Mal nervös, weil einige in der Karte verzeichnete Abzweige nicht aufgetaucht sind. Aber der Verlauf unseres Weges und auch die Höhenlinien stimmen so genau mit der Karte überein, dass wir eigentlich nicht falsch liegen können. Wir müssen nur immer auf einer Höhe bleiben, dann kann eigentlich nichts passieren.

Jetzt wird jedenfalls erstmal gegessen, kurz ausgeruht – und wir betreten allmählich, zuerst unbemerkt, das Tal des Todes, zumindest, was die Gruppenmotivation betrifft. Es fängt damit an, dass wir Oli, den wohl das Verdauungskoma erwischt hat, kaum noch wach bekommen, als wir weiterwollen. Und weiter müssen wir, trotz der allgemeinen Gehschwierigkeiten. Der Himmel verdunkelt sich schon wieder und es beginnt zu tröpfeln. Aber was schadet so ein bisschen Regen, denke ich mir, als wir aufbrechen – immerhin an dieser Stelle wurde die Route vorzüglich geplant, ziemlich entlang den Höhenlinien, so dass uns, trotz des Anstiegs zu linken und des Gefälles zur rechten Seite, fast ein Spaziergang bevorsteht. Das muss der Motivation doch helfen! Zurzeit habe ich die Karte in der Hand und leite die Gruppe – und da kommt auch unser Orientierungspunkt in Sicht, ein über alle Baumwipfel hinweg weithin sichtbarer Funkturm. Was kann da schon schief gehen?

Nach etwa einer dreiviertel Stunde stutze ich. Wir hätten längs an mehreren Abzweigen zur rechten Seite vorbeikommen müssen. Den dritten Abzweig müssten wir dann einschlagen. Aber da war nichts. Oder? Jetzt bloß keinen Fehler machen – jeder Umweg bedeutet hier im günstigsten Fall einen steilen Anstieg – im schlimmsten Fall heißt es dann aber erst mal hinab ins Tal und dann um so steiler wieder den Berg hinauf. Und unter der Oberfläche des allgemeinen verbissenen Lächelns in der Gruppe brodelt es jetzt schon, das spüre ich. Ich frage nach, aber die anderen haben ebenfalls keinen anderen Weg gesehen. Also gehen wir gemeinsam noch mal die Route durch. Wir sind uns schnell einig, dass wir auf jeden Fall auf dem richtigen Weg sein müssen (War das Wunschdenken? frage ich mich heute). Weiter, weiter, weiter...nun gut, der Weg ist eben, wir sind uns unserer Sache einigermaßen sicher, wahrscheinlich ist die Karte einfach nicht auf dem neuesten Stand...aber aufkommende Langeweile ist der Stimmung auch nicht unbedingt zuträglich.

Weiter...noch immer kein Abzweig. Mir wird doch wieder etwas mulmig. Und dann – endlich! Auf der rechten Seite kommt ein Weg in Sicht! Der sollte uns zunächst etwas hinab ins Tal führen, dann eine Linkskurve einschlagen und uns um das Tal herum Richtung Sendeturm führen. Freude – aber Moment! Der macht ja eine 180-Grad-Drehung zurück in die Richtung, aus der wir gekommen sind – so steht das doch aber nicht in der Karte? Oder doch? Das da, da ist doch ein kleiner Schlenker eingezeichnet, oder? Wir sind uns nicht sicher, bei den 1:50.000er Karten gehen schon mal kleine Details verloren. Zweite Unsicherheit: Ist das jetzt überhaupt die dritte Abzweigung? Falls die anderen beiden in der Karte verzeichneten Abzweige nicht mehr existieren, können wir uns nur an der zurückgelegten Strecke orientieren. Passt also die zurückgelegte Entfernung seit unserem Vesper zu der Entfernung, die wir auf der Karte messen? Auch hier sind wir uns nicht sicher, keiner von uns ist scheinbar besonders gut im Schätzen. Wir tippen mal auf Ja, jedenfalls ist uns der zurückgelegte Weg endlos vorgekommen und in der Karte ist kein späterer Abzweig im Wald eingetragen, an dem wir uns stattdessen befinden könnten. Also rechts rein und erstmal genau in die falsche Richtung, außerdem abwärts, dabei müssten wir doch nach oben, das tut weh...aber da hinten, da beschreibt der Weg doch eine Linkskurve, oder? Schauen wir mal, dann können wir ja immer noch zurück. Also weiter...nein, da ist keine Kurve. Im Gegenteil, der Weg biegt sich weiter und weiter nach rechts – ein Parallelweg zu dem, von dem wir gerade gekommen sind.

UND HIER TREFFEN WIR DIE ERSTE DER UNVERNÜNFTIGEN ENTSCHEIDUNGEN: die klare Lösung wäre es jetzt, zurück zur Abzweigung zu gehen und unserem alten Weg weiter zu folgen. Das stimmt zwar eventuell nicht mit der geplanten Route überein, sollte uns aber dem Ziel näher bringen – zumindest näher als ein 180-Grad-Schwenk in die falsche Richtung – und wir würden größere Höhenunterschiede auf unserem Weg vermeiden. Stattdessen sind wir so fest davon überzeugt, dass wir nicht falsch sein können, dass wir weiter gehen – immer sagen wir uns: dort, hinter den Bäumen da, da muss sich der Weg doch endlich drehen...und so führt uns unser Weg immer weiter hinab – weiter ins Tal des Todes.

Denn nun verkündet Prisca plötzlich, dass ihr diese verdammte Tour keinen Spaß mehr macht, dass ihr eigentlich das ganze Jugendprogramm noch kein einziges Mal richtig Spaß gemacht habe, dass sie jetzt gar nicht mehr richtig sagen kann, warum sie eigentlich hier ist und dass sie sicherlich nicht mit auf die „richtige“ Expedition kommen wird. Schock. Mal ganz egoistisch betrachtet: sofern Matthias nicht wieder irgendwie zu uns dazu stößt, wäre das das Ende für unsere Gold-Pläne. Zu dritt geht halt nicht bei den Touren. Fabienne lässt sich auf eine Diskussion ein, versucht aufzumuntern, zu motivieren, Druck auszuüben – aber Prisca scheint sich schon entschieden zu haben. In dem Moment bin ich einfach nur sauer. Jeder ist freiwillig hier, was soll das Gejammer? Dann packt mich aber das schlechte Gewissen – schließlich hatte ich die Karte in der Hand, als wir uns verlaufen haben.

Das wirklich teuflische an der Situation ist jetzt aber, dass es völlig unmöglich ist, uns als Gruppe dazu durchzuringen, umzukehren und zur letzten Kreuzung zurückzukehren, schließlich müssten wir dann wieder bergauf gehen – und mit der Motivation ist es jetzt wirklich nicht mehr weit her. So geht es weiter den Weg entlang, immer weiter in die falsche Richtung, bis auch der Letzte gemerkt hat, dass da irgendwo etwas ganz falsch gelaufen ist. Auch unser treuer Begleiter, der Funkturm, ist jetzt nicht mehr zu sehen. Wir können uns aber noch immer nicht vorstellen, wo der Fehler passiert ist. Wir waren uns unserer Sache doch so sicher...jedenfalls entbrennen jetzt neue Diskussion: darüber, ob der Sendeturm, auf den wir uns so verlassen haben, überhaupt derselbe ist, den wir auf der Karte als Orientierungspunkt verzeichnet haben, ob wir überhaupt an dem Abhang sind, an dem wir uns wähnen und natürlich, was diese ganze blöde Tour überhaupt soll.

HIER TREFFEN WIR DIE ZWEITE DER UNVERNÜNFTIGEN ENTSCHEIDUNGEN: Wir wissen jetzt eindeutig, dass wir uns verlaufen haben. Doch statt zu dem Abzweig zurückzukehren, wo der Weg uns zumindest tendenziell in die richtige Richtung geführt hätte oder zu schauen, ob unsere eingeschlagene Richtung sich vielleicht doch noch zum Guten wendet – steigen wir querfeldein ins Tal ab, mit der fadenscheinigen Begründung, dass es dort unten, unter freiem Himmel, womöglich Orientierungspunkte geben könnte – Gehöfte, Strommasten, irgendetwas – die uns weiterhelfen könnten. Das Dumme an dem eigentlich richtigen Gedanken: wenn wir es bei der jetzigen Stimmung nicht einmal mehr schaffen, den leichten Anstieg in Kauf zu nehmen, der uns bei dem Rückweg zum Abzweig bevorstünde, wie sollen wir dann jemals den Aufstieg vom Grund des Tals wieder ganz nach oben schaffen können? Im Grunde ist das auch allen klar, aber dem einen oder anderen Gruppenmitglied scheint in diesem Moment wirklich alles egal zu sein. Also hinab. Und hinab. Und noch einmal hinab. Was für ein Wahnsinn.

Und endlich erreichen wir wieder einen Weg und betreten tatsächlich das Tal des Todes – das sich eigentlich durchaus sehen lassen kann. Schwäne gleiten über den Teich, auf den saftigen Wiesen weiden Kühe und auch das Wetter hat sich vorübergehend gemacht, so dass uns, als wir die Schatten der Bäume verlassen, von oben die Sonne anlächelt. Anstatt uns einen dringend benötigten Motivationsschub zu verpassen, scheint dieses Idyll eher zu allgemeiner Feierabendstimmung in der Gruppe beizutragen. Praktisch von einem Moment auf den anderen liegen die Rücksäcke kreuz und quer auf dem Boden und auch die erschöpften Wanderer machen sich auf dem Weg breit.

Nach einer kurzen Verschnaufpause schaue ich mich ein bisschen im Tal um, ob es da irgendwelche Orientierungspunkte gibt. Tatsächlich – da stehen ein paar Häuser! Bestimmt kann man da mal nachfragen, was Sache ist. Aber schon die nächste Enttäuschung: ein Hinweisschild teilt mir mit, dass es sich um ein kleines Geisterdorf handelt. Natürlich ist der Name des Dorfes nicht in der Karte verzeichnet! Trotzdem kann ich anhand der Häuser, des Teiches und der Wegrichtung mit ziemlicher Sicherheit feststellen, wo auf der Karte wir uns befinden. Und die Karte sagt mir etwas, was uns ohnehin schon klar war: jetzt geht’s steil hinauf! Dummerweise scheine ich meinen Kredit als Kartenleser völlig verspielt zu haben, denn so recht will niemand meiner Aufforderung folgen, uns wieder auf den Weg zu machen. Oder ist einfach gar keine Motivation mehr da? Jedenfalls passiert erstmal gar nichts. Kurz erwägen wir sogar, einfach hier im Tal zu übernachten … aber wenn ich mit meinen Navigationskünsten tatsächlich wieder falsch liege? Wie können die Betreuer uns dann ausfindig machen, falls etwas sein sollte?

Nach weiteren zehn Minuten erscheint uns unverhofft die Rettung aus der Finsternis, in Form zweier älterer Damen (50+ bzw. 70+), die auf demselben Weg, auf dem wir gekommen sind, im Eiltempo herangerauscht kommen. Die ältere der beiden bestätigt unsere Vermutungen, wo wir uns befinden und meint, sie seien in derselben Richtung wie wir unterwegs. Schon dampfen die beiden (im wahrsten Sinne des Wortes) den Berg hoch und sind alsbald nicht mehr zu sehen.

Haben gerade noch meine Motivationsversuche überhaupt keine Wirkung gezeigt, so scheint von unseren beiden Rettern ein umso hellerer Funke übergesprungen zu sein. Sofort sind alle wieder auf den Beinen, es heißt Rucksäcke aufsetzen – wobei allenthalben die Gelenke knarzen und wir inzwischen schon so weit sind, dass wir uns gegenseitig stützen müssen – und weiter geht die Reise. Jetzt zahlen wir die Zeche für unsere grandiose Navigationsstrategie: der Weg geht schnurgerade den Berg hoch und ist dementsprechend affensteil. Von den beiden Damen sehen und hören wir auf der ganzen Strecke nichts mehr und können über so viel Elan nur den Kopf schütteln. Und dann, nach einer dreiviertel Stunde, sind wir ENDLICH OBEN. Wir stehen direkt unter dem Funkturm, vor uns liegt das nächste Dörfchen, und nach einer kurzen Rast ist die Stimmung wieder obenauf.

Jetzt aber weiter, wir haben immer noch sieben Kilometer vor uns! Aber als ich das laut in die Runde sage, ernte ich ungläubige Blicke. „Spinnst du?“ fragt Prisca. „Wir können nicht mehr! Du kannst ja selber kaum noch laufen!“ Das stimmt allerdings, das Aufstehen ist mir nach dieser Rast nochmal deutlich schwerer gefallen als in den Pausen zuvor. Aber was hilft es? Ans Ziel müssen wir doch, und so wie der Himmel im Moment aussieht, kann es wieder mal jeden Moment anfangen zu regnen. Bis jetzt haben wir mit dem Wetter wirklich unverschämtes Glück gehabt, aber man sollte es nicht drauf ankommen lassen. Fabienne hält mir entgegen, dass Roland uns angeboten hat, uns im Notfall auch abends an unseren Übernachtungsplatz zu karren.

Ich bin entschieden dagegen, mir hat ja der letzte Eingriff der Betreuer schon weh getan und die Route, die heute noch vor uns liegt, ist eigentlich ein Kinderspiel, Schmerzen hin oder her. Da aber nicht nur Prisca und Fabienne, sondern auch Oli für die schmerzlose Variante plädieren, ist die Sache entschieden. Zu diesem Zeitpunkt will ich keine größere Diskussion starten, ich bin ja froh, wenn Prisca die Probetour bis zum Ende durchzieht und dabei genügend Gefallen am Wandern findet, dass sie auch bei der Gold-Tour wieder mit dabei ist. Also gehen wir erstmal zum nächsten Haus und holen uns Wasser für die Nacht und den nächsten Tag, dann alarmieren wir das Büsli und begeben uns zur Hauptstraße. Nach circa zwanzig Minuten erscheinen Roland und Christian und fahren uns das letzte Stückchen bis zu unserem Übernachtungspunkt, einer kleinen Waldhütte. Zu unserer Enttäuschung teilen sie uns auf der Fahrt mit, dass Matthias auf keinen Fall wieder zu uns stoßen kann. Umso wichtiger ist es, dass wir alle durchhalten!

Als wir bei der Hütte angelangt sind, nehmen wir zusammen mit Roland eine weitere Routenänderung vor. Morgen erwartet uns eigentlich eine weitere Höllentour von diesmal immerhin noch 23 Kilometern! Das kann die Gruppe in der jetzigen Verfassung auf keinen Fall durchziehen. Also verkürzen wir die Strecke für den bevorstehenden dritten Tag auf 14 Kilometer und verschieben die restlichen neun auf den Samstag, unseren vierten Tag, wo uns dann statt der geplanten sieben nun 16 Kilometer bevorstehen werden. Dass die Schweizer es dann am selben Tag noch zurück in die Heimat schaffen, ist zwar unwahrscheinlich, aber dafür gehen wir auf dem Weg auch nicht alle zugrunde, das ist doch auch was.

Kurz nachdem unsere Betreuer sich verabschiedet haben, tröpfelt es mal wieder. Statt das Tarp aufzubauen, stellen wir heute lieber den Tisch aus der Hütte ins Freie, so dass es im Innern genügend Platz für unsere Schlafsäcke gibt und wir für den Fall der Fälle ein festes Dach über dem Kopf haben, wenn auch keine Seitenwände. Heute kochen die beiden Mädels, es gibt Risotto mit Tomaten und Chili. In der Zwischenzeit befreien wir unsere armen Füße von den Wanderschuhen und starten eine Rundum-Verpflegung. Wie gestern ist es dann bereits dunkel, als das Essen fertig ist. Das Essen ist diesmal wirklich Seelennahrung und glättet zumindest bei mir einige Wogen. Kurz die Teller ausspülen, dann ab in die Falle – mit dem Einschlafen hat heut niemand mehr Probleme.

Mitten in der Nacht wache ich auf – jetzt hat der Himmel seine Tore aber wirklich geöffnet, es gießt wie aus Kübeln, dazu blitzt und donnert es. Es regnet waagrecht in die Hütte! Zum Glück hat Prisca rechtzeitig gemerkt, was los ist, und unsere Sachen, die auf den Eckbänken verstreut lagen, in Sicherheit gebracht. Ich döse schon wieder weg, da sagt Oli: „Ich wünsche dir alles, alles Gute zu Geburtstag, Prisca, und vor allen Dingen gutes Wetter!“ Stimmt ja, Prisca hat heute Geburtstag, daran habe ich gar nicht mehr gedacht! AUCH VON MIR ALLES GUTE, LIEBE PRISCA!