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Die Odenwälder Ochsentour, ein Drama in fünf Akten. 4. Akt: Paradise Found

von Karsten Vogel, Tübingen

Textnummer: 683600

Erstellt am 2009/10/14, zuletzt geändert am 2009/11/23

Der vierte Teil der Artikelserie von Karsten Vogel beschäftigt sich mit dem dritten Tag der viertägigen deutsch-schweizerischen Gold-Probetour im Rahmen von „Odenwald 2009“, an dem das Stimmungstief vom Vortag am Rosshof bereits wieder vergessen ist.

von Karsten Vogel, Tübingen

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Der vierte Teil der Artikelserie von Karsten Vogel beschäftigt sich mit dem dritten Tag der viertägigen deutsch-schweizerischen Gold-Probetour im Rahmen von „Odenwald 2009“, an dem das Stimmungstief vom Vortag am Rosshof bereits wieder vergessen ist.

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Freitag, der 22. Mai im Jahre des Herrn 2009. Liegt ja jetzt auch schon wieder ein Weilchen zurück... doch nun ist es endlich an der Zeit, davon zu berichten, wie sich für uns – dem Tal des Todes entronnen, dezimiert zwar (denn Matthias haben wir zurücklassen müssen), am Ende unserer Kräfte, aber noch im Rennen – doch noch alles zum Guten wendet. Denn siehe, an jenem Tag sollten wir das irdische Paradies schauen.

Als wir aufwachen, hat sich der Regen kurzzeitig gelegt, doch die Welt liegt grau in Grau. Es ist der dritte Tag unserer Tour, doch dank unserer „genialen“ Planung liegen bereits zwei Drittel des Weges hinter uns – und unsere Füße und Beine sind völlig zerschunden. Allein bei dem Gedanken daran, gleich aufstehen zu müssen, entfährt mir ein leises Wimmern. So bleibe ich erstmal liegen und simuliere Tiefschlaf, während die anderen um mich herum ihre Sachen packen, Tee kochen und schon die Schuhe schnüren. Erst Olis „He, du Faulpelz! Wir müssen weiter!“ zwingt mich, mich zu rühren. Ich rechne fest mit unerträglichen Schmerzblitzen, die durch meine Gelenke fahren und mir endgültig den Garaus machen werden – doch seltsamerweise bleiben die aus. Nicht nur das – es geht mir richtig gut! So frisch und wach habe ich mich schon ewig nicht mehr gefühlt. Scheinbar hat mein Körper jetzt endlich auf Wandermodus umgeswitcht. Von mir aus könnten wir heute ruhig nochmal knapp 30 Kilometer zurücklegen, aber gestern haben wir unsere Tagesetappe ja vorsorglich auf 14 Kilometer verkürzt. Das wird ein Spaziergang, freue ich mich.

Auch die Stimmung in der Gruppe ist heute deutlich besser als gestern, wozu wohl auch Priscas Geburtstag mit beigetragen hat. Dem kann auch der jetzt wieder einsetzende und erstmals auf unserer Tour auch wirklich ziemlich heftige Regen nichts anhaben. Frohgemut machen wir uns auf den Weg – wird es irgendeinen meiner geneigten Leser überraschen, dass wir uns nach noch nicht einmal einer halben Stunde schon wieder verlaufen haben? Es ist aber auch verzwickt! Links wie rechts zweigt ein Forstweg nach dem anderen ab; alle laufen sie Kerzengerade im 90-Grad-Winkel von unserem Waldweg ab, und nicht mal die Hälfte dieser Biester ist in der Karte verzeichnet. Das Problem ist, dass irgendwo dort drüben ein Bach verläuft und laut Karte nur einer der Pfade darüber hinweg führt. Die Alternative wäre, einfach weiter geradeaus unserem Weg zu folgen und eine Ortschaft zu durchqueren. Noch wollen wir das vermeiden, zumal es ein weiterer Umweg von ein bis zwei Kilometern wäre. Also schlagen wir auf gut Glück einen der Rechtsabzweige ein. Nach einer Viertelstunde treffen wir tatsächlich auf den – nicht einmal anderthalb Meter breiten und wohl knöcheltiefen – „Bach“; der Weg geht von hier ab quer zum Gewässer weiter. Wir wollen ja hinüber, was also tun? Klar, Rucksack abschnallen, rüber „springen“ und den Damen helfen – von wegen, wir sind ja eine Schweizer Gruppe. „Des isch doch z’gfährlig!“ klingt es wie aus einem Mund. Wie bitte?

Alles Argumentieren und Debattieren bringt mich hier nicht weiter. Wir sind eine Gruppe und die anderen wollen eben zurück und durch das Dörfchen Laudenberg. Und so geschieht es denn auch. Wir haben schon so viele Expeditionsregeln gebrochen, darauf kommt es doch jetzt wohl auch nicht mehr an. Hat sich eigentlich der werte Leser schon mal Gedanken darüber gemacht, warum Ortschaften und Siedlungen bei der Expedition zu meiden sind? „Die Zivilisation würde die Gruppendynamik und das Naturerlebnis stören“, denkt er sich wohl. Wir lernen jetzt auf unserem Weg durch den Ort ein anderes „Problem“ kennen – die gesamte Einwohnerschaft scheint es sich zur Aufgabe gemacht zu haben, uns unsere Route zu erklären. „Was, aus der Schweiz kommt ihr? Da seid ihr aber bestimmt schon eine Weile unterwegs. Wollt ihr was frühstücken?“ bekommen wir an jeder Straßenecke zu hören, gefolgt von: „Ihr wollt nach Borke? Einfach da 'rüber zur Hauptstraße und als gradaus bis Seckach, dann weiter dem Straßenschild nach. Da nimmt euch bestimmt auch einer im Auto mit.“ Dass wir einer fest geplanten Route folgen und deshalb einen Umweg über unser heutiges Etappenziel, den Roßhof, machen müssen, will den Herrschaften nicht in den Kopf. Immerhin, so viel Freundlichkeit und Warmherzigkeit habe ich selten erlebt; die Rucksäcke scheinen Eindruck zu machen. Umgekehrt macht die „Fröundlichkcheit vu dü lit“, wie es Oli formuliert, bleibenden Eindruck auf unsere „Schweizer Garde“.

Von da an ist alles eitel Sonnenschein – wortwörtlich, denn die Sonne durchbricht und verdrängt die Wolken. Die beiden Mädels „erfreuen“ uns mit Gesängen aus der FC Baseler Südkurve – nun ja, Unterhaltungswert hat das schon. Nur der Oli schwächelt, seine Füße machen ernsthaft Probleme. Mit dem Wanderstock bewaffnet, humpelt er tapfer hinter uns her, aber war er schon vorher landestypisch nicht immer der schnellste, geht es nun erst recht nur noch im Schneckentempo voran. So dauert es schon noch ein bisschen, bis wir am Nachmittag frohgemut am Roßhof anlangen – die Schweizer in ihrer unnachahmlich nervigen Mundart sprechen übrigens nur vom „Rösslihof“ und sind davon nicht abzubringen. In ähnlicher Manier haben wir jetzt schon seit drei Tagen „Äpfeli“ verzehrt, aus „Fläschli“ getrunken und im „Hütteli“ genächtigt, aber was zu weit geht, geht zu weit!

Prisca und ich klingeln, um zu fragen, ob und wo wir auf dem Gelände kampieren dürfen. Eine weise Entscheidung, denn die „Fröundlichkcheit vu dü lit“ hält an, und die beiden Damen des Hauses – Oli nennt sie die „zwei Engel vom Rösslihof“ – bestehen darauf, dass wir in der Grillhütte hinterm Haus nächtigen. Dieses allzu verlockende Angebot können wir nicht ausschlagen. Und so finden wir uns unversehens an einem Ort, der dem irdischen Paradies denkbar nahe kommt, zumal für vier Wanderer, die gerade drei Tage in der „grünen Hölle“ des Odenwalds hinter sich haben. Die Hütte befindet sich am Waldrand auf einer endlosen, sich sanft nach unten erstreckenden Wiese – über uns der ebenfalls endlose blaue, von Schäfchenwolken bevölkerte Himmel – und vor uns tatsächlich eine Schafherde, deren sanftes Blöken in unseren Ohren zum Chor der himmlischen Heerscharen wird – okay, der Blick ins Tal geht direkt auf die Buchener Müllverbrennungsanlage, aber über solche Kleinigkeiten sind wir dem Teufel von der Klinge Gesprungenen erhaben. Unsere Begeisterung kennt keine Grenzen mehr, als unsere Gastgeberinnen für Prisca ein Geburtstagseis herbeizaubern, uns die Liegestühle bringen und sogar eine Dusche anbieten.

Der verlorene Garten! Wie die Hippies schreiten wir barfuß über das Gras, lauschen der Weisheit der Erde und schlagen selbstverständlich stilecht die angebotene Dusche aus – Hygiene? Das wäre ja noch schöner! Stattdessen lassen wir es unseren Körpern ein paar Stunden einfach richtig gut gehen und fläzen uns in der Sonne. Das Blöken der „Schäfli“ wiegt uns in einen sanften Schlummer, aus dem die Mädels auch dann nicht wachzukriegen sind, als die Viecher direkt über unsere Liegeplätze im Gras zurück in den Stall getrieben werden und dabei auch das ein oder andere „Bölleli“ hinterlassen. Später bereiten Oli und ich das heutige Essen zu – Hörnli mit Tomatensoße, Speck und Parmesan. Nochmals etwas später schauen unsere Betreuer vorbei und bringen – hat unser Glück denn gar kein Ende? – eine Geburtstagstorte und zur Feier des Tages sogar ein paar Bierchen vorbei. So sollte eigentlich jeder Tag sein! Leider dann doch noch ein Wermutstropfen – Matthias ist nicht mitgekommen. Ob er aufgegeben hat? Nach der Feier, als Roland & Co. wieder weg sind, schickt er uns eine SMS: Er sitzt bereits wieder im Zug in die Heimat. Für uns heißt das, wir werden auch für unsere Gold-Tour auf vier Mann dezimiert sein. Riesenenttäuschung einerseits, andererseits schweben wir gerade auf einer Wolke der Euphorie, von der uns nichts mehr runterholen kann. Noch lange sitzen wir draußen auf unseren Liegestühlen und schmieden, verwerfen und schmieden abermals Pläne für unsere Gold-Tour. Schottland? Barcelona?? Die Alpen? Oder doch lieber Schwarzwald? Was wollen wir? Was können wir schaffen? Vom gestrigen Missmut ist spätestens jetzt gar nichts mehr zu spüren, auch Prisca scheint entschlossen, Gold bis zum Ende durchzustehen.

Es geht schon gegen eins zu, als uns die Kälte in die Schlafsäcke treibt – und es ist richtig kalt geworden! Zum Glück haben wir die Hütte, sonst hätten wir jetzt ein Problem! Einige der Schlafsäcke sind für Frosttemperaturen völlig ungeeignet. Trotz Müdigkeit und Alkoholdunst können wir uns so nur allmählich in den Schlaf bibbern – unsere letzte Nacht auf dieser Tour... Fortsetzung folgt!