Sektionen
Sie sind hier: Startseite Netzwerk Artikel Teilnehmer Aktivitäten Expeditionen
Holzwege: Bei Heidegger in Todtnauberg

HOLZWEGE, Folge 1: Eine besonders besondere Herausforderung

von Karsten Vogel

Textnummer: 699703

Erstellt am 2010/09/06, zuletzt geändert am 2010/10/13

Erste von insgesamt acht Folgen des Berichts von Karsten Vogel zu seiner Gold-Expedition „Holzwege“, die er um die Osterfeiertage im Wildnisgebiet Südschwarzwald in Form einer „Besonderen Naturunternehmung“ erfolgreich durchführte (NETZWERK berichtete).

von Karsten Vogel

Textnummer:

Erstellt am: , geändert am:

Fotos:

Erste von insgesamt acht Folgen des Berichts von Karsten Vogel zu seiner Gold-Expedition „Holzwege“, die er um die Osterfeiertage im Wildnisgebiet Südschwarzwald in Form einer „Besonderen Naturunternehmung“ erfolgreich durchführte (NETZWERK berichtete).

***

„Holzwege“: Auf den ersten Blick kein besonders verheißungsvoller Aufhänger für eine Expedition – oder vielleicht doch? Wir werden sehen. Jedenfalls war dies das Thema meiner Goldtour im vergangenen April im Südschwarzwald. „Holzwege“ ist der Titel einer Sammlung mehrerer Abhandlungen des Philosophen Martin Heideggers, der ebendort, in einer einsamen Hütte bei Todtnauberg nahe dem Feldberg, zeitweise gelebt und die meisten seiner Werke niedergeschrieben hat. Ihm wollte ich auf dieser Expedition folgen. Das bot sich nicht nur durch die geographische Lage der Heidegger-Hütte im Wildnisgebiet Südschwarzwald an, sondern vor allem angesichts der Bedeutung, die Feld- und Holzwege, Wegmarken und nicht zuletzt die Schöpferische Landschaft des Südschwarzwalds in Heideggers Denk-Wegen – und eben NICHT Werken – einnehmen.

Ein solches Expeditionsthema bedarf sicherlich weiterer Erklärungen – die Wahl eines scheinbar „abgehobenen“ philosophischen Themas mag vielleicht sogar zunächst befremdlich wirken - zunächst muss ich aber hier auf eine weitere Besonderheit meiner Expedition eingehen – dass sie nämlich im Grunde keine war, sondern vielmehr eine „Besondere Naturunternehmung“, die erste in Deutschland. Auch dieser Begriff bedarf aber wohl einer kleinen Erläuterung. Bei einer normalen Expedition muss die Gruppenstärke zwischen vier und sieben Teilnehmern liegen; sie muss durch Erwachsene überwacht, darf aber nicht begleitet werden. Es gibt saisonale Beschränkungen (die kalten Monate von Anfang November bis Ende März sind tabu), auch dem Schwierigkeitsgrad der Tour (Stichwort „Anstiege“) sind Grenzen gesetzt. Für volljährige Teilnehmer auf der Goldstufe mit hinreichender Expeditionserfahrung ist es aber möglich, einzelne Sicherheitsvorgaben mit Augenmaß zu lockern und eben so aus der Expedition eine Besondere Naturunternehmung zu formen. Eine solche Unternehmung kann natürlich vielfältige Formen annehmen: Der Fantasie sind nur wenige Grenzen gesetzt, sofern die Schwierigkeitsanforderungen der Tour nicht vermindert werden.

Für mich war die Entscheidung für die Besondere Naturunternehmung nicht nur eine Suche nach neuen Herausforderungen, sondern auch eine Notwendigkeit, da ich mit meiner alten Schweizer Garde, mit der ich meine Probetour absolviert hatte (nachzulesen hier im NETZWERK) keinen Termin vor meinem 25. Geburtstag finden konnte.

So gestaltete sich meine geplante Tour am Ende wie folgt: Im Gegensatz zur „normalen“ Goldtour war ich nicht in einer vierköpfigen Gruppe unterwegs – wir waren zu dritt, dabei war einer der Gruppenteilnehmer mein Vater, der zugleich auch Aufsichtsperson spielte, sowie als dritter „Mann“ – wohl zum ersten Mal in der Geschichte der deutschen Jugendprogramm-Touren – ein Hund, unser Border Collie Avi. Ich war also nicht auf mich allein gestellt, wohl aber allein für Routenplanung und Navigation zuständig, was durchaus eine neue Herausforderung war.

Noch bevor ich aber auch nur einen ersten Blick in die topographischen Karten werfen konnte (sie mussten teilweise sogar kurz vor knapp neu gekauft werden), musste ich mich mit einer ganz anderen Landschaft vertraut machen – der für mich Terra Incognita Heidegger. Dass der mir so fremd war – teils immer noch ist – lag zum einen an seiner „raunenden“ Sprache, seinem berühmten Jargon mit dem Nichts, das nichtet, dem Sein und dem Seyn, oder auch: Der Krug west als Ding. Der Krug ist der Krug als ein Ding. Wie aber west das Ding? Das Ding dingt. Das Dingen versammelt. Es sammelt, das Geviert ereignend, dessen Weile in ein je Weiliges: in dieses, in jenes Ding (Das Ding). Diese Sprache wirkt nicht nur oft unfreiwillig komisch (oder, der Verdacht, Heidegger lacht über uns), sondern macht es auch sehr schwer, sich mit den Gedanken von außen auseinanderzusetzen, ohne selbst Heideggers Vokabular und Denkweise zu übernehmen und bloß nachzuäffen. Deshalb wurde Heideggers Denkweise als hermetisch, von Karl Jaspers sogar als unfrei und diktatorisch bezeichnet. Ebenso abstoßend waren für mich natürlich Heideggers zeitweiser Flirt mit den Nazis und sein „dreifaches Heil“ auf „unseren Führer Adolf Hitler“, sogar wenn man nicht der Theorie folgt, dass die Faszination für den Führerkult geradezu aus Heideggers Jargon und Gedankenwelt erwächst. Heideggers oft als Apologie für diesen „Ausrutscher“ verstandenes (und dann geradezu ungeheuerliches) Zitat Wer groß denkt, muß groß irren, machte die Sache nicht gerade besser – auch wenn der Satz von Heidegger wohl anders gemeint war (und eine echte Erklärung für diese Periode so ausbleibt, was ebenso mehr als unbefriedigend ist).

Schon ein oberflächlicher Blick nicht einmal auf Heideggers eigenes Werk, sondern auf all die, die von ihm beeinflusst worden sind, macht aber auch klar, dass man um Heidegger nicht herumkommt. Was mich persönlich zunächst vor allem fesselte, war jedoch seine eigentlich wunderschöne, poetische Sprache besonders in seinem Gedachten (nein, die folgenden Zeilen sollen eben kein Gedicht sein):

Wege, befreiend den Schritt zurück
für seinen Gang,
gerufen aus Anklang,
geringem,
aus anderer Gegend des An-fangs.
Und wieder die Not
zögernden Dunkels im wartenden Licht
der entzogenen Lichtung
des noch sich verbergend-
bergenden Vorenthalts:
armutbereite Stätte sterblichen
Wohnens.
Doch kaum je gewährt ist
reines Ende den Wegen des Denkens.
Es hieße:
noch unterwegs.
(Gedachtes, IV. Vereinzeltes)

Man sieht an diesem Gedachten schon, warum Heidegger, egal, was man von seinen Gedanken zu Technik, Sein, Kunst, Hölderlin etc. im Einzelnen hält, trotz aller Ecken und Kanten so schön mit Jugendprogramm-Aktivitäten zu verknüpfen ist: Es geht immer um den Weg, nicht nur im Denken, sondern im Leben insgesamt. Was es natürlich, bezogen auf Heidegger selbst, auch einfacher macht, sich ihm zu nähern, auch wenn man vieles nicht versteht und manches befremdlich findet. Heidegger errichtet keine philosophischen Luftschlösser, sondern denkt Wege, und nur um die geht es, und nur die führen einen weiter.

 

Links zu den weiteren Folgen

  1. Teil 1: Eine besondere Herausforderung

  2. Teil 2: Der Feldweg

  3. Teil 3: Die Wutach-Schlucht

  4. Teil 4: Holzwege

  5. Teil 5: Das Schneebiwak

  6. Teil 6: Die Schneewanderung

  7. Teil 7: Zivilisation

  8. Teil 8: Die Hütte