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Holzwege: Wutachschlucht

HOLZWEGE, Folge 3: Die Wutach-Schlucht

von Karsten Vogel

Textnummer: 699902

Erstellt am 2010/09/06, zuletzt geändert am 2010/09/07

Dritte von insgesamt acht Folgen des Berichts von Karsten Vogel zu seiner Gold-Expedition „Holzwege“, die er um die Osterfeiertage im Wildnisgebiet Südschwarzwald in Form einer „Besonderen Naturunternehmung“ erfolgreich durchführte (NETZWERK berichtete).

von Karsten Vogel

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Dritte von insgesamt acht Folgen des Berichts von Karsten Vogel zu seiner Gold-Expedition „Holzwege“, die er um die Osterfeiertage im Wildnisgebiet Südschwarzwald in Form einer „Besonderen Naturunternehmung“ erfolgreich durchführte (NETZWERK berichtete).

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Und so konnte am Karfreitag, dem 02. April 2010 (gerade so in der Toleranzgrenze der Expeditionssaison), die Tour beginnen. Die Arbeitsteilung zwischen mir und meinem Vater sah so aus, dass ich die Navigation, er hingegen die Hundeführerrolle übernahm. Unser Startpunkt war eine Weggabelung oberhalb der Wutach, von wo aus uns die Route Richtung Achdorf führen würde. Fast den ganzen restlichen Tag würden wir uns einfach am gemächlichen Flusslauf orientieren müssen. Bei schönem Wetter und gut ausgebauter Straße war unser Weg so zunächst denn auch ein Spaziergang, nicht unähnlich dem Meßkircher Feldweg. Eine malerische, nette, aber auch eher unspektakuläre Gegend, bis wir kurzzeitig uns an der Bundesstraße halten mussten – mein Fehler, da ich mich, statt dem Wanderweg zu folgen, lieber näher am Flusslauf hielt, der sich hier kurz vom Weg verabschiedete.

Hinter dem Sägewerk Wutachmühle begann dann gleich einer der schönsten – landschaftlich wohl der schönste – Abschnitte der Etappe, 13 Kilometer die Wutachschlucht hinauf, die sich von einem zunächst noch weiten, sanftgeschwungenen Tal allmählich zu einem steilen, schroffen Spalt verengte, aber durchgehend absolut spektakulär anzuschauen war. Hier machten sich aber auch die ersten ernsthaften Probleme bemerkbar, als unser zunächst noch recht breiter Weg immer enger wurde, teils über Stege, Treppen und Leitern (zum Glück gab es auch eine Art Katzenleitern, die Avi nutzen konnte) führte und schließlich zu einem äußerst schmalen, holprigen, gewundenen und glitschig-nassen Trampelpfad wurde, der zu allem Überfluss auch nicht das Höhenniveau hielt, sondern stets ein paar Meter bergauf, dann wieder steil nach unten führte. So ging es die immer heftiger tosende Wutach hinauf, die hier endlich begann, ihrem Namen Ehre zu machen. Bei einem normalen Spaziergang alles kein Problem, aber mit Rucksäcken – die, auch durch die übermäßigen Essensvorräte auf dem unebenen Untergrund, hier zur fast unerträglichen Belastung wurden – und einem Hund an der Leine, der auch an engen und gefährlichen Stellen mal ungestüm vorauseilen wollte, mal abrupt stehenblieb, war dies ein äußerst tückischer Abschnitt, zumal mein Vater mit nur einem Arm, in dem er die Leine halten musste, so keine Hand mehr frei hatte, um sich abzustützen. Gottlob mussten wir wenigstens nicht das ganze Hundefutter für vier Tage mit uns schleppen, sondern konnten jeden Tag von unseren Gutachtern, meiner Mutter und dem Hund Matti, die jeweilige Ration in Empfang nehmen. Auch so waren wir nach einigen Stunden bereits spürbar ausgelaugt. Zeitweise herrschte in der Schlucht an diesem Feiertag zudem ein ziemliches Gedränge von Touristen, was uns nicht weiter behinderte, aber das Gefühl von Abgeschiedenheit, das man mit einer Goldtour gerne verbindet, etwas beeinträchtigte (Avi hingegen schloss rasch Freundschaft mit einem Jungen, der mit seiner Familie ebenfalls in der Schlucht unterwegs war).

Es gab auch ein weiteres, tieferes Problem, das mir etwas zu denken gab: Da wir uns so auf den Weg vor unseren Füßen konzentrieren, zugleich auch noch ein scharfes Tempo anschlagen mussten, um in meinem straffen Zeitplan zu bleiben, blieb praktisch kein Platz für etwaige philosophische Feldweggespräche zwischen Vater, Sohn und Hund während der Tour – höchstens selbstdritt, wie Heidegger es vorgemacht hatte, doch auch die Gedanken schweifen zu lassen hätte hier leicht zu verknacksten Füßen führen können.

Wie dem auch sei, die atemberaubende Landschaft machte all dies mehr als wett. Über malerische Brücken, vorbei an alten Kapellen und Wegkreuzen, Wasserfällen und -kaskaden, erreichten wir am Nachmittag endlich die Schattenmühle, wo wir die Wutach verlassen würden. Nachdem wir unsere Wasservorräte aufgefüllt hatten, ging es weiter, nun nicht mehr die Wutachschlucht, sondern die noch wildere, noch engere und steilere Lotenbachklamm hinauf, die ebenfalls wunderschön war, die zu bewundern uns (vor allem meinem Vater, der mit Avi und seinem schmerzenden Rücken zu kämpfen hatte) leider der Nerv fehlte. Schließlich war auch dieser Abschnitt geschafft und wir erreichten die Landstraße, wo unsere Gutachterin uns wie vereinbart erwartete und uns mit frischem Hundefutter eindeckte.

Und noch einmal mussten wir uns quälen, über die Straße und durch ein Wäldchen einen steilen Trampelpfad hoch, der zwar in der Karte verzeichnet war, den wir aber nie gefunden hätten, wenn die Bäume nicht mit Kreidepfeilen markiert gewesen wären. Endlich am Tagesziel: Hebsack, ein kleines Gehöft, in dessen angrenzendem Wäldchen wir uns erst einmal verkrochen, um rasch unser Tarp aufzubauen. Und hier gab es eine böse Überraschung: In einer vier- oder fünfköpfigen Gruppe ein Tarp zu spannen, mag ein Kinderspiel sein; zu zweit (und mit drei Armen) dauert es quälend lange, zumal, wenn man es Wind- und Wetterfest gestalten will.

Die nächste Überraschung war das Abendessen: Trotz der Anstrengungen des Tages brachten wir zwar unsere Tütenpaste hinunter, nichts aber von unseren restlichen Vorräten. Wir hatten unsere Bäuche gehörig überschätzt – oder hatten wir unbewusst für eine vierköpfige Gruppe gerechnet? Jedenfalls bedeutete da auch für die nächsten Tage keine Entlastung für unsere Rücken. Als wir dann in unseren Schlafsäcken lagen, war es dennoch noch annähernd nicht dunkel – welch ein Unterschied zur Tour mit den Schweizern, als wir im Taschenlampenlicht kochen mussten – Stichwort Taschenlampe? Hatten wir diesmal vergessen. Brauchten wir auch nicht: Flugs waren wir weggeratzt. Wer hätte da noch an Heidegger denken mögen?

 

Links zu den weiteren Folgen

  1. Teil 1: Eine besondere Herausforderung

  2. Teil 2: Der Feldweg

  3. Teil 3: Die Wutach-Schlucht

  4. Teil 4: Holzwege

  5. Teil 5: Das Schneebiwak

  6. Teil 6: Die Schneewanderung

  7. Teil 7: Zivilisation

  8. Teil 8: Die Hütte