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Holzwege

HOLZWEGE, Folge 4: Holzwege

von Karsten Vogel

Textnummer: 700001

Erstellt am 2010/09/07, zuletzt geändert am 2010/09/07

Vierte von insgesamt acht Folgen des Berichts von Karsten Vogel zu seiner Gold-Expedition „Holzwege“, die er um die Osterfeiertage im Wildnisgebiet Südschwarzwald in Form einer „Besonderen Naturunternehmung“ erfolgreich durchführte (NETZWERK berichtete).

von Karsten Vogel

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Vierte von insgesamt acht Folgen des Berichts von Karsten Vogel zu seiner Gold-Expedition „Holzwege“, die er um die Osterfeiertage im Wildnisgebiet Südschwarzwald in Form einer „Besonderen Naturunternehmung“ erfolgreich durchführte (NETZWERK berichtete).

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Der Samstag, der zweite Tag auf Holzwegen, begann in einem Bad aus Schmerzen: Rücken, Oberschenkel, Unterschenkel, Gelenke, FÜSSE – alles im Eimer. Viel schlechter konnte sich Jesus am Tag nach der Kreuzigung auch nicht gefühlt haben. Tolles Omen für die Tour. Schon beim Aufstehen mussten wir zudem von meinem Zeitplan abweichen, der die Anfang April noch recht späten Sonnenaufgänge nicht berücksichtigt hatte. Und als wir mit bald einer Stunde Verspätung endlich das Tarp abbauen konnten, dauerte das, ebenso wie der Aufbau am Tag zuvor, natürlich viel länger als geplant. Um in der Zeit zu bleiben, verschoben wir das Frühstück deshalb zunächst auf einen unbestimmten Zeitpunkt und machten, dass wir loskamen. Wir wollten am Hof noch nach Wasser fragen, doch der war verlassen.

Unser Weg führte uns nun in südöstliche Richtung. Unser Ziel war das Steinatal, das uns dann über den Tag bis zum Schluchsee führen sollte. Zunächst ging es leicht bergauf, dann querten wir die Bundesstraße und suchten in einem Netz von Waldwegen den richtigen. Zum ersten Mal gestaltete sich die Navigation hier ein bisschen trickreicher, da wir uns nicht auf gekennzeichneten Wanderwegen befanden und zudem unsere Karten teils nicht mehr auf dem neuesten Stand waren. Unser zunächst noch gut befestigter Weg wurde mehr und mehr zum Trampelpfad, bis wir praktisch nur einem kleinen Bachlauf folgten. So hatte das auf der Karte aber nicht ausgesehen... Aber mir war es insgeheim ganz recht: Endlich ein Hauch von Wildnis und Abenteuer! Über unseren Köpfen dabei aber natürlich stets das Damoklesschwert, dass wir irgendwo in der Pampa landen, wo nichts mehr geht. Aber wir hatten Glück und kamen bald wieder auf bessere Pfade. Nun hätte uns der Weg eigentlich schnurstracks nach unten ins Steinatal geführt – da mir das aber bei der Planung zu öde erschienen war, hatte ich unsere Route zunächst so weit es ging im Wald und am Hang entlang geplant. Das bedeutete zwar mehr Höhenmeter und weniger Orientierungspunkte, aber so war es nun einmal, Schmerzen hin oder her.

Und schon hatten wir uns zum ersten Mal auf dieser Tour verlaufen – ich war an einer Kreuzung im Wald rechts nach Norden abgebogen, ohne es zu registrieren. Wir hätte weiter geradeaus nach Westen gehen müssen. Zunächst bemerkte ich den Fehler gar nicht. Unser Weg führte uns hinauf bis auf den Bergkamm und leitete uns so, auf dem nun abschüssigen Kamm, komfortabel weiter. Das stand zwar so nicht in der Karte, aber ich führte uns frohgemut weiter in die Irre, bis sich mein Vater endlich ein Herz nahm und mich darauf hinwies, das unser Weg nicht nur in die falsche Richtung führte (nach Norden statt Südwesten) und mit den Höhenlinien in der Karte nicht übereinstimmte, sondern auch gar kein richtiger Weg mehr war, höchstens ein Holzweg. „Also ein Weg ins Nirgendwo – das heißt, wir müssen dahin zurück, wo ich den Fehler gemacht habe,“ dachte ich grimmig.

– „Holzmacher und Waldhüter kennen die Wege. Sie wissen, was es heißt, auf einem Holzweg zu sein“, glaubte ich da Heidegger selbst wie eine Kräuterhexe kichern zu hören.

Ich konnte es kaum glauben, entgegnete aber im Stillen: „Was soll das denn bedeuten? Das bringt uns kaum weiter – oder?“

– „Einfaltspinsel!“

Hatte ich richtig gehört?? Jedenfalls herrschte auf meine gedachte Erwiderung („Ich dachte Das Einfache verwahrt das Rätsel des Bleibenden und des Großen“) erst einmal Stille.

– Kurz darauf glaubte ich jedoch erneut, Heideggers Stimme zu hören: „Die Feldwege - sie gehen in die Irre. Aber sie verirren sich nicht.

Mein Vater, der seinen Heidegger weit besser kannte als ich, hatte wohl denselben Gedanken gehabt: „Irgendwann muss einmal ein Weg von hier abbiegen, der uns wieder in die richtige Richtung bringt.“

Nach einer Weile, die ich uns, innerlich etwas bang, weiter abwärts geführt hatte, stießen wir zu Rechten auf einen alten, sogar beschilderten Trampelpfad, der auf der Karte nicht verzeichnet war: Den Ganterweg. Heidegger hatte recht! Damit begann eine kurze, für mich persönlich aber die denkwürdigste und schönste Etappe der Tour, auf einem urigen, schmalen und dennoch recht bequem zu begehenden Pfad um den Halben Berg herum, inmitten der Tannen, durch die hindurch wir eine weite Aussicht hatten, aber kein Zeichen von Zivilisation sehen konnten. „So sollte eine Goldtour sein“, dachte ich. „Abgeschiedenheit und – ja – Einfachheit.“ Ich war im Schwarzwald angekommen – ich hätte es im Tourigebiet Südschwarzwald fast nicht mehr geglaubt.

Heidegger stimmte mir zu. „Die Schwere der Berge und die Härte ihres Urgesteins, das bedächtige Wachsen der Tannen, die leuchtende, schlichte Pracht der blühenden Matten, das Rauschen des Bergbaches in der weiten Herbstnacht, die strenge Einfachheit der tiefverschneiten Flächen, all das schiebt sich und drängt sich und schwingt durch das tägliche Dasein dort oben. Aber etwas fehlt bei euch noch…”

– Was nur?

 

Links zu den weiteren Folgen

  1. Teil 1: Eine besondere Herausforderung

  2. Teil 2: Der Feldweg

  3. Teil 3: Die Wutach-Schlucht

  4. Teil 4: Holzwege

  5. Teil 5: Das Schneebiwak

  6. Teil 6: Die Schneewanderung

  7. Teil 7: Zivilisation

  8. Teil 8: Die Hütte