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Holzwege: Schneebiwak

HOLZWEGE, Folge 5: Das Schneebiwak

von Karsten Vogel

Textnummer: 700101

Erstellt am 2010/09/07, zuletzt geändert am 2010/09/07

Fünfte von insgesamt acht Folgen des Berichts von Karsten Vogel zu seiner Gold-Expedition „Holzwege“, die er um die Osterfeiertage im Wildnisgebiet Südschwarzwald in Form einer „Besonderen Naturunternehmung“ erfolgreich durchführte (NETZWERK berichtete).

von Karsten Vogel

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Fünfte von insgesamt acht Folgen des Berichts von Karsten Vogel zu seiner Gold-Expedition „Holzwege“, die er um die Osterfeiertage im Wildnisgebiet Südschwarzwald in Form einer „Besonderen Naturunternehmung“ erfolgreich durchführte (NETZWERK berichtete).

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Die weitere Strecke dieses zweiten Tages verlief einigermaßen ereignislos. Wir kamen zurück auf den richtigen Weg, machten dort eine verspätete Frühstückspause bzw. eine frühe Lunchpause, denn eins von beiden ließen wir aus Zeitgründen ausfallen. Weiter führte uns unsere Route (nun wieder auf gekennzeichneten Wegen), erst hinab zur Steina, der wir dann aufwärts folgten, bis sie versiegte, und dann war es nicht mehr weit bis zum Schluchsee. Mein Vater konnte mich zu einer kleinen Routenänderung überreden, da uns der geplante Weg über eine längere Strecke an der Hauptstraße entlang geführt hätte. Einmal bogen wir noch falsch ab, kamen aber mit nicht allzu viel Verspätung (das Frühstück hatten wir ja letztendlich ausgelassen) an unserem vereinbarten Treffpunkt mit den beiden Gutachtern, am Seebrugger Bahnhof direkt neben dem Schluchsee an. Nachdem wir das tägliche Hundefutter entgegengenommen hatten, ging es auch schon weiter, wieder weg vom Schluchsee, über die Bundesstraße auf die letzte und, wie aus der Karte klar ersichtlich war, äußerst harte, da steile Etappe.

Doch mit einem hatten wir nicht gerechnet: Tiefschnee. Es war halt erst der Beginn der Expeditionssaison und hier, auf über 1000 m Höhe, hätte ich von solchen Bedingungen eigentlich ausgehen müssen. Wir waren mit unseren Kräften bereits am Ende, doch um die zwei Kilometer hätte uns unser Weg noch führen müssen, bis zur Tirolertanne und zum Wagnerhaus, wo wir biwakieren wollten. Vor allem hatten wir zwei Motivationsprobleme, die uns nicht gerade ermunterten, weiter den Berg hinauf zu rennen. Zum einen wollte wir uns dort oben nur unseren Übernachtungsplatz suchen; am nächsten Tag würde es wieder auf genau demselben Weg zurück zum Schluchsee gehen. Zum anderen hatten wir zum Schlafen ja nur unser Tarp, im Grunde bloß eine einfache Plane, die keinen wasserdichten Boden und damit kaum Kälte- und Nässeschutz gegen die Eisdecke bot. Auf halber Höhe des Hangs, wo wir uns jetzt befanden, gab es noch einige unbedeckte, wenngleich nasse Flecken Erde. Weiter oben hätten wir so viel Glück vielleicht nicht mehr. Außerdem waren auf dieser steilen, zugeschneiten Straße nachts bestimmt keine Autos unterwegs.

So schlugen wir uns kurzerhand nach rechts zwischen die Bäume, suchten eine einigermaßen ebene, unbedeckte und trockene Stelle, schoben mit den Füßen den verbliebenen Schnee beiseite (was natürlich die Nässeimprägnierung der Schuhe zerstörte) und machten uns an die Arbeit des Tarpbaus. An diesem Tag kostete dies uns über eine Stunde: Zunächst errichteten wir zur Bergseite hin einen stabilen Wall aus Ästen und Unterholz, von dem wir das Tarp zur Wetterseite und zu den Flanken hin abspannten. Mit einem zweiten Tarp machten wir die Gehölzwand dicht und deckten zugleich den Boden ab. Da Wasser bei Berührung durch den Tarpstoff perkoliert, verteilten wir darauf als zweite Schutzschicht die Müllsäcke, in denen wir tagsüber die Kleidung vor Nässe schützten. „So ist’s recht, “ meine ich Heideggers Stimme im Wind raunen zu hören, „die philosophische Arbeit verläuft nicht als abseitige Beschäftigung eines Sonderlings. Sie gehört mitten hinein in die Arbeit der Bauern.

Zufrieden mit unserem Schloss, kochten wir und krochen nach dem Abendessen in unsere Schlaf- und Biwaksäcke. Zuvor stopften wir unsere Wanderschuhe noch mit Toilettenpapier aus, damit sie am nächsten Morgen einigermaßen trocken sein würden. Im Warmen berieten wir dann die morgige Tour – das Foto, wie Avi uns bei der Planung hilft, wurde bereits im NETZWERK veröffentlicht. Falls es im Feldberggebiet ähnlich verschneit sein würde wie hier, würden wir unsere Route, erst zum nächsten Übernachtungspunkt, der Rufenhütte auf 1078 m Höhe, dann am vierten Tag über den Feldberg (1493 m Höhe) hinweg, kaum durchziehen können. Als Alternativroute müssten wir dann über Altglashütten Richtung Titisee ziehen. Wir würden ja sehen.

Anschließend blätterte ich noch etwas im Feldweg herum (philosophische Gespräche hatten sich auch heute nicht ergeben), doch die Gedanken wollten einfach nicht in Schwung kommen. Bald waren wir fest eingeschlafen und hätten wohl eine wunderbar ruhige Nacht verbracht, wenn nicht – ja, wenn Avi nicht plötzlich mitten in der Nacht die Blase zu schaffen gemacht hätte. Es muss wohl eine dreiviertel Stunde gedauert haben, bis unsere müden Hirne registrierten, was los war. Dann nichts ab mit dem Hund nach draußen, und endlich – Nachtruhe.

 

Links zu den weiteren Folgen

  1. Teil 1: Eine besondere Herausforderung

  2. Teil 2: Der Feldweg

  3. Teil 3: Die Wutach-Schlucht

  4. Teil 4: Holzwege

  5. Teil 5: Das Schneebiwak

  6. Teil 6: Die Schneewanderung

  7. Teil 7: Zivilisation

  8. Teil 8: Die Hütte