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Holzwege: Schneewanderung

HOLZWEGE, Folge 6: Die Schneewanderung

von Karsten Vogel

Textnummer: 700201

Erstellt am 2010/09/07, zuletzt geändert am 2010/09/07

Sechste von insgesamt acht Folgen des Berichts von Karsten Vogel zu seiner Gold-Expedition „Holzwege“, die er um die Osterfeiertage im Wildnisgebiet Südschwarzwald in Form einer „Besonderen Naturunternehmung“ erfolgreich durchführte (NETZWERK berichtete).

von Karsten Vogel

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Sechste von insgesamt acht Folgen des Berichts von Karsten Vogel zu seiner Gold-Expedition „Holzwege“, die er um die Osterfeiertage im Wildnisgebiet Südschwarzwald in Form einer „Besonderen Naturunternehmung“ erfolgreich durchführte (NETZWERK berichtete).

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Der nächste Morgen, der Ostersonntag, verlief wie der letzte: Biwak abbauen (wieder eine knappe Stunde), Rücksäcke aufgeschnallt und ab. Frühstücken würden wir unten auf dem Parkplatz. Und so geschah es. Unten wartete bereits unser Gutachterteam auf uns und überraschte uns mit Ostereiern und Schokohasen. Wir kochten Tee und nahmen unser – wie gewohnt spärliches – Frühstück ein. Bevor wir weiterzogen, ließen wir, an Erfahrung durch die letzten beiden Tage gereift, mehr als die Hälfte unserer Brot-, Wurst- und Käsevorräte zurück. Der Rest würde, selbst wenn uns nach zwei enthaltsamen Tagen plötzlich Fressattacken überkommen würden, immer noch mehr als reichen. Der Gewichtsverlust machte einen riesigen Unterschied; mein Rücken atmete auf. Frohgemut erreichten wir den Schluchsee und überquerten die Schleuse (ließen dabei ein paar Einheimische beim Schwarzangeln zusammenzucken). Nachdem wir uns unserer Jacken entledigt hatten (es wurde wärmer) begann unsere nächste vermeintlich idiotensichere Etappe: etwa 10 flache Kilometer, bis zur Nordspitze, immer am Seeufer entlang. Denkste! Zunächst mal war der Weg zwar einigermaßen flach, stellenweise aber komplett im Schnee versunken, was bedeutet: Der Weg war eine einzige Plackerei. Zwar war die Schneedecke nicht besonders tief, aber auf eine seltsame, tückische Weise hart, klebrig, rutschig und porös zugleich, so dass man zunächst leicht einsank, dann den Fuß kaum wieder herausziehen konnte, leicht schlidderte und endlich keine Wahl hatte, als auch den anderen Fuß einzusenken. Mühsam!

Und dann, nach drei Kilometern, bei einer kurzen Verschnaufpause, der Schock: Ich hatte die Landkarte nicht mehr! Die Fotos unserer Tour belegen meinen Fauxpas noch heute: Bevor ich die Jacke ausziehe, mit Karte; auf dem nächsten Bild, vor dem Gebäude, wo wir die Verschnaufpause einlegten, ohne. Also Rucksack abgesetzt, über den anstrengenden Schneeweg, mit wegwunden Füßen zurückgejoggt zur Schleuse, dort erleichtert die Karte gefunden und wieder zurück zu den anderen. Ein kleiner morgendlicher Erfrischungssprint von sechs Kilometern. Und an diesem Tag noch gute 15 Kilometer geplant. Mein persönlicher Tiefpunkt der Tour! Der weitere Rundweg um den See war malerisch, aber ereignislos. Nach Aha bogen wir links ein auf den Lachenrüttenweg und verließen den Schluchsee, auf dem Weg Richtung Feldberg.

An einer Hütte machten wir kurz Rast; bis jetzt war alles in Ordnung. Nun mussten wir hinauf auf den Kapellenkopf, dahinter würden wir die Bundesstraße kreuzen, wo wir den nächsten Treffpunkt mit unseren Gutachtern vereinbart hatten.

Und dann passierten wir, wie am Tag zuvor befürchtet, abermals die Schneegrenze. War der Schnee vorher schon ein schwerwiegendes Hindernis gewesen, sanken wir nun knietief ein. Aus der Traum vom Feldberg? Noch gaben wir nicht auf – und schon tobte um uns ein Schneesturm, in dem man gerade mal noch die Hand vor Augen sehen konnten. Eine Weile stapften wir noch aufwärts, aber den Traum vom Feldberg konnten wir so oder so begraben – schließlich lag dieser nochmals gut 300 m höher und würde kaum leichter begehbar sein. So kämpften wir uns noch mit Müh und Not bis zur nächsten Kreuzung vor; dort bogen wir rechts ab, Richtung Altglashütten: Unser Weg war eine Skiabfahrt (Ein Beweisfoto wurde ebenfalls hier im NETZWERK veröffentlicht).

Der Weg nach unten war ein weiterer Kampf, doch schließlich kamen wir wohlbehalten vor Altglashütten ein und kontaktierten das Gutachterteam, bestehend aus meiner Mutter und Matti. Nachdem die beiden eingetroffen waren, suchten wir uns auf der rechten Hangseite eine Unterkunft für die Nacht. Die Wiesen auf der Höhe waren zwar schneefrei, aber dort konnten wir natürlich kein Tarp aufschlagen. Der Waldboden war hingegen weitgehend schneebedeckt und voller Unterholz, und zu dieser Jahreszeit war die ganze Hangseite ein einziger Sumpf. Die Moral aus der Geschichte: Expeditionen in Wildnisgebieten sollten nicht gerade an den Saumrändern der Saison von April bis Oktober stattfinden, sonst fällt leicht alles ins Wasser, siehe Sturm, Schneedecke und Sumpf.

Nach längerem Suchen gelang es uns endlich, die einzigen einigermaßen schnee- und holzfreien, ebenen und trockenen fünf bis sechs Quadratmeter Waldboden zu finden. Ein kleiner Schönheitsfehler war, dass zuvor bereits Rehe das Fleckchen für sich entdeckt hatten und er ziemlich mit Kötteln bedeckt war. Die waren aber schnell entfernt. Ein größeres Problem war die Position der umstehenden Bäume, die uns zwang, das viereckige Tarp mehr oder weniger als Pentagon zu spannen. Mit diesem Biwak übertrafen wir uns selbst: Unsere heutige Holzwand stellte alles Dagewesene in den Schatten, und da der Boden diesmal trocken war, konnten wir das zweite Tarp nutzen, um die Hangseite richtig dicht zu machen und das Tarp zugleich zu einer richtig wohnlichen Höhle zu erweitern. Als dies getan war, aßen wir und vergruben uns in unser urgemütliches Nest, in Schlaf- und Biwaksäcke. Kaum in Sicherheit, begann es draußen zu hageln, stürmen, und schließlich zu schneien. Die ganze Nacht tobte um uns das Wetter, während wir es uns drinnen gut gehen ließen – „Unvergleichlich, nachts im warmen Sack zu liegen, während draußen der Sturm pfeift und die Landschaft langsam in Weiß versinkt,...“ dachte ich mir.

Kaum hörbar im Rauschen der Tannen Heidegger: „Wenn in tiefer Winternacht ein wilder Schneesturm mit seinen Stößen um die Hütte rast und alles verhängt und verhüllt, dann ist die Zeit der Philosophie.“

– „Oder um es sich einfach gut gehen zu lassen, Heidegger.“

Schweigen.

 

Links zu den weiteren Folgen

  1. Teil 1: Eine besondere Herausforderung

  2. Teil 2: Der Feldweg

  3. Teil 3: Die Wutach-Schlucht

  4. Teil 4: Holzwege

  5. Teil 5: Das Schneebiwak

  6. Teil 6: Die Schneewanderung

  7. Teil 7: Zivilisation

  8. Teil 8: Die Hütte