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Diagramm: Höhenprofil der Tour zum Kalar Patar

Mareike: „Wir haben es geschafft!“

von Mareike Schnelle, Heidelberg

Textnummer: 085602

Erstellt am 2005/05/22, zuletzt geändert am 2008/09/02

Im Mittelpunkt des 4. Abenteuer- und Hilfsprojekts im Himalaja stand wie schon bei der Premiere vier Jahre zuvor eine Tour im Mount-Everest-Gebiet von Lukla auf den Kalar Patar und zurück. Mareike, Studentin aus Heidelberg und bereits seit Mitte Oktober im Land, führte auf dem Hinweg Tagebuch.

Im Mittelpunkt des 4. Abenteuer- und Hilfsprojekts im Himalaja stand wie schon bei der Premiere vier Jahre zuvor eine Tour im Mount-Everest-Gebiet von Lukla auf den Kalar Patar und zurück. Mareike, Studentin aus Heidelberg und bereits seit Mitte Oktober im Land, führte auf dem Hinweg Tagebuch.

Mareike ist Studentin an der PH Heidelberg, Programmteilnehmerin auf der Goldstufe und ehrenamtliche Mitarbeiterin des Koordinationsbüros. Beim Stadtjugendring Heidelberg ist sie im Bereich Jugendbegegnung aktiv. Sie war bereits am 12. Oktober für ein halbes Jahr nach Nepal geflogen, um dort ein Schulpraktikum zu absolvieren und Sundar Sherpa bei der Vorbereitung des 4. Abenteuer- und Hilfsprojektes, das vom 29. Dezember 2000 bis 19. Januar 2001 dauerte, zu helfen. Wie schon bei der Premiere vier Jahre zuvor stand im Zentrum der Jugendbegegnung eine Tour im Mount-Everest-Gebiet von Lukla auf den Kalar Patar und zurück. Mareike führte auf dem Hinweg dieses Tagebuch.

 

Dienstag, 2.1.2001 20 Uhr - Lukla - 2800m

Was für ein Tag! Wie soll ich nur all die neuen Eindrücke auf die nächsten Seiten bekommen?!?! Wir sind um 4.00 Uhr aus den Bett geklingelt worden und haben gleich das letzte mal heiß geduscht. Sundar wollte uns eigentlich abholen, aber da zur Abwechslung mal wieder gestreikt wurde, mußte er von Patan aus laufen!!! Wir mußten vier bockteure (wegen dem eigentlichen Streik) Taxis nehmen, die mit einem Wahnsinnstempo zum Flughafen gefahren sind. Dort mußten wir noch ziemlich lange warten. Um 9.00 Uhr ging erst der Flug. Aber die Zeit ist irgendwie verdammt schnell rum gegangen. Gitte und ich haben uns erstmal auf den riesigen uralten Eincheckwagen gewogen. Mit allem drum und dran gar nicht so schlimm. Mein Rucksack hat heute morgen, noch ohne die Medikamente, 12 Kilo gewogen. Alles im grünen Bereich! 

Der Flug war der absolute Hammer! Beim Abflug haben alle noch voll Quatsch gemacht, aber als es dann in die Luft ging, war es auf einmal mucksmäuschen still, und alle hingen nur noch an den Fenstern. Sobald wir über den Wolken waren, konnte man ganz super den Himalaja sehen. Die Landebahn in Lukla ist aber auch nicht gerade schlecht. Man landet in einer Art Sturzflug auf einer kleinen, recht kurzen Schotterpiste. Ich sahës noch eine zeitlang am "Flughafen" und habe den Flugzeugen beim Starten und Landen zugeschaut. Echt super! - Den ganzen Nachmittag über haben wir einen Erste-Hilfe-Kurs hinterm Haus gehabt, nachdem wir die Medikamente aufgeteilt und in die Taschen verpackt haben. Es war etwas kühl, aber die Bewohner von Lukla haben tapfer durchgehalten und es schien, als hätte es ihnen sogar richtig Spaß gemacht. Zum Schluß wurde der Kreis immer enger und Jagadish, der Mann vom Roten Kreuz, konnte sich kaum noch bewegen, aber da war es eh schon dunkel und es mußten nur noch die Medikamente aus den Taschen erklärt werden. 

 

Mittwoch, 3.1.2001 13 Uhr - Mittagspause in Phakding - 2652m.

Die ersten paar Stunden haben wir schon hinter uns. Ein super Höhenweg immer an den Bergen entlang. Ab und zu gingës etwas hoch und runter. Meine Lunge hat sich das erste mal schon ordentlich beschwert, aber wenn man dann einfach einen Schritt langsamer geht, ist alles kein Problem mehr. Ich bin eine ganze Zeit mit Pasang, dem Cousin vom Sundar, gelaufen. Er hat viel erklärt und erzählt und sich ab und zu etwas Sorgen über das Gewicht von meinem Rucksack gemacht, aber es ist alles nur halb so wild. Im Rucksack sind im Moment ja noch die Erste-Hilfe-Tasche und ein mords Vorrat an purer Energie (Mars und Bounty). Wenn das alles mal raus ist, dann ist er gleich ein bißchen leichter. Mein Rücken tut schon ziemlich weh, aber wenn ich gleich weiter lauf, dann spüre ich ihn wahrscheinlich richtig! Gerade haben wir zu Mittag gegessen. Knoblauchsuppe mit Nudeln!! Etwas überraschend war die Größe eines "small pots" mit Tee!! Aber der Preis auch!!! In der Sonne ist es wirklich schön warm. Zum Wandern reicht das Skiunterhemd und ein T-Shirt drüber. Die langen Unterhosen haben wir vorhin nach zehn Minuten laufen kollektiv ausgezogen und eingepackt. Absolut warm genug. Gleich gehtís weiter!

18 Uhr - Monjo - 2835m.

Der erste Tag ist geschafft. Wir sitzen alle etwas matt am Ofen und wärmen uns. Das letzte Stück ging noch mal ordentlich bergauf. Frank liegt schon im Bett. Ihm scheint es nicht sonderlich gut zu gehen. Maayan hatte auch nicht einen wirklich guten Tag. Der Rest ist einfach nur ziemlich müde. Mein Rücken hat sich wieder etwas erholt, aber dafür tun jetzt meine Hüftknochen ordentlich weh. Bin ja schon sehr gespannt wie das morgen wird, wenn der Rucksack wieder drauf drückt. Unsere Gruppe ist wirklich unheimlich interessant. Total verschieden und doch paßt es irgendwie. Vorhin war noch der zweite Erst-Hilfe-Kurs. Es waren viel weniger Leute da als in Namche, aber das Interesse war mindestens genau so groß. Ich durfte heute Dummie sein und wurde überall verarztet.

 

Donnerstag, 4.1.2001 19 Uhr - Namche Bazar - 3440m.

Ich liege gerade in der "Wohnstube" auf einer der langen und breiten Bänke und bin so richtig zufrieden. Der Weg heute war sehr anstrengend. Die ganze Zeit nur bergauf. Aber Frank und ich haben uns langsam aber sicher hochgekämpft. Gleich nach dem Eingang zum Nationalpark habe ich Kristin und Martin getroffen (zwei Freunde aus Kathmandu). Wir haben uns eine Zeitlang unterhalten und ruckzuck war ich am Ende der Gruppe. Aber in der nächsten halben Stunde hatte ich die Nachhut schon wieder eingeholt, und abgesehen davon war es eigentlich mal ganz schön alleine zu laufen. Eine Zeitlang bin ich dann mit Sanam und Pasang gelaufen, bis wir den Frank wieder eingeholt hatten. Nach dreieinhalb Stunden haben wir dann völlig abgekämpft Namche Bazar erreicht. Die anderen Osterburkener und Gitte haben schon in der Bäckerei auf uns gewartet. 

Den restlichen Tag haben wir damit verbracht, durch Namche zu laufen und an der kleinen Heizung in der Lodge zu sitzen.

 

Freitag, 5.1.2001 7 Uhr - Ruhetag in Namche Bazar - 3440m. 

Ich bin gerade aufgewacht. Der Blick aus dem Fenster ist gigantisch. Ein riesengroßer schneebedeckter Berg, gerade von der Sonne angestrahlt. Leider ist unser Fester von innen vereist, so daß ich mit geschloßenem Fenster nur sehe, das es hell ist. Einige turnen schon im Haus rum. Gestern Abend hat es noch geschneit, so daß jetzt eine dünne weiße Decke über allem liegt. Wir werden heute einen Tag in Namche bleiben, um uns zu akklimatisieren. 

20 Uhr

Verdammt ist das schön hier!!! Heute sind wir zum Hotel Everest (3850m.) hoch gelaufen. Der Blick von dort ist mindestens so atemberaubend wie der Weg nach oben. Auf dem Rückweg hatten uns die dünne Luft schon etwas zugesetzt. Wir mußten über jeden Scheiß lachen und haben die ganze Zeit rumgekichert. War echt seltsam. Auf halbem Weg nach unten saßen wir dann noch eine zeitlang und haben uns unterhalten. Da waren dann noch Christine, Karsten, Jürgen, Frank und ich. Als wir wieder zurück in Namche waren, ist die Sonne gerade hinter dem Berg verschwunden, und es wurde ordentlich kalt. Alle haben sich wieder um die kleine Heizung in der Lodge eingefunden. Gegen Abend sollte der dritte und letzte Erste-Hilfe-Kurs stattfinden. Es dauerte diesmal etwas, bis jemand kam, aber dann hat er doch noch statt gefunden. Diesmal war aus jedem Stadtteil bzw. aus jeder Himmelsrichtung ein Verantwortlicher gekommen, der dann später alles "seinen" Leuten beibringen will. Morgen wird Jagadish wieder zurück nach Namche laufen. Seine Arbeit ist jetzt erledigt. Das ist eigentlich schade, denn er ist wirklich ziemlich lustig und nett. 

 

Sonntag, 7.1.2001 16 Uhr - Dingboche - 4450m.

Es wird immer anstrengender zu schreiben, da es immer kälter wird. Wenn ich keine Uhr am Arm hätte, dann hätte ich keine Ahnung welcher Tag heute ist, geschweige denn, wieviel Uhr es ist. Das ist hier so völlig unwichtig. Wir sind mittlerweile auf 4450 m. angekommen. Wir mußten leider schon einige Verluste hinnehmen. Markus hatte gestern überraschenderweise auf dem Weg nach Tengboche einen Leistenbruch und Michaels Schuhe waren dabei sich aufzulösen. Tony ist mit ihnen zurück gelaufen. Und heute morgen haben sich dann auch noch die Nepalesen Amanda, Nirvan und Fredi verabschiedet. Sie wollten zurück nach Namche und dort auf uns warten. Fredi hat mir gestern Abend noch erzählt, das er fürchterliche Zahnschmerzen hat. Somit ist unsere Gruppe auf 12 Leute geschrumpft. 

 

Montag, 8.1.2001 11Uhr - Ruhetag in Dingboche - 4450m. 

Draußen ist strahlende Sonne und wir sind umgeben von wunderschönen Bergen. Gestern Abend war es noch richtig gemütlich. Wir sahsen alle im "Kaminraum" und haben uns unterhalten. Irgendwann nach dem Essen bin ich dann eingeschlafen. Kurz nachdem ich ins Bett bin, hat Maayan eine seltsame Attacke bekommen. Nachdem Sundar hoch in unser Zimmer geschoßen ist, war aber irgendwie schnell wieder alles in Ordnung. Morgen wird sich entscheiden, ob sie weiter mit geht oder die zwei Tage auf uns wartet. 

Gestern Nacht soll es angeblich -20°C in der Lodge gehabt haben. Ich hatte eine kleine Eisschicht auf meinem Schlafsack. Da muß wohl mein Atem fest gefroren sein. Und die Wasserflasche war auch Stein und Bein gefroren. Morgen Nacht soll es noch um einiges schlimmer werden hat Sundar gesagt. Das kann ja heiter werden! 

Anzeichen von Höhenkrankheit habe ich noch keine. Etwas Durchfall, aber nichts außergewöhnliches. Ganz bestimmt keine Appetitlosigkeit! Etwas Schlafprobleme, aber das ist vielleicht auch die Aufregung. 

Ziemlich lustig ist, das man sich hier ein unheimliches Zeitlupendasein angewöhnt. Anders ist das auch nicht möglich, denn wenn ich mit Schwung die Treppe zu unserem Zimmer hochflitze, dann bin ich fix und fertig, völlig außer Atem. Einigen anderen geht es schon so, wenn sie sich nur im Bett rumdrehen. Die Stimmung in der Gruppe ist im Moment unheimlich gut. Das gemeinsame Ziel schweißt irgendwie zusammen. Jetzt werden wir noch einen kleinen Ausflug in die Umgebung machen. 

 

Dienstag, 9.1.2001 19 Uhr - Lobuche - 4930m. 

Die erste Strecke des Weges war super. Ein Höhenweg immer am Berg entlang bis zur Mittagspause. Ich hätte ewig so weiter laufen können. Der Ausblick wird immer besser. Mittlerweile gibt es kaum noch Bäume, nur noch vereinzelte Sträucher. Es liegt auch schon ziemlich viel Schnee, aber der Weg ist frei. Zum Mittagessen gab es zur Abwechslung mal wieder Knoblauch- Nudelsuppe. Ein Traum!!! Aber irgendwie gar nicht so schlecht. 

Danach ging es steil bergauf Richtung Lobuche, das Ende der Tagesetappe. Die bewährte Methode "Schritt für Schritt und bloß nicht nach oben gucken" hat mich wieder den Berg hochgezogen. Oben hat uns eine Art Sherpafriedhof erwartet. Eine Art Gedenkstätte für alle Sherpas und auch Bergsteiger, die je bei Expeditionen in den Bergen gestorben sind. Überall waren kleine Türme von aufeinander gestapelten Steinen. Nach einer kleinen Rast und Stärkung haben wir dann auch noch die restlichen "paar Meter" in Angriff genommen, die sich noch verdammt gezogen haben. 

 

Mittwoch, 10.1.2001 8 Uhr - Lobuche - 4930m. 

Gestern Abend lag ich noch eine ganze Zeit lang draußen in der Sonne und habe die Wärme genossen. Im Windschatten ist es wirklich angenehm warm. Aber sobald die Sonne hinter den Bergen verschwindet ist der beste Aufenthaltsort direkt am Ofen, der mittlerweile nur noch mit getrockneter Yakscheiße geheizt wird, und möglichst Nahe am Fenster, denn dann kann man noch beobachten wie die Berge langsam ihre Farbe von weiß, zu leuchtend gelb, orange bis fast kitschig rot wechseln. Auf den Postkarten in Kathmandu sieht das wahnsinnig unecht aus. 

Den restlichen Abend habe ich damit verbracht am Ofen zu sitzen und meinen extrem hämmernden Kopf zu ignorieren. War allerdings ziemlich anstrengend, da er beinahe geplatzt wäre. Ich glaube aber, den Anderen ging es nicht wesentlich besser, denn es war allgemein ruhig und alle sind überdurchschnittlich früh ins Bett. 

Ich habe neben Roey geschlafen, der ziemlich Probleme mit seinem Wasserhaushalt hatte. Alle paar Stunden hat er versucht den Inhalt seiner Wasserflasche durch Schläge an den Holzbalken zwischen uns wieder aufzutauen, um was zu trinken. 

Gestern Abend hat uns Sundar noch gesagt, daß wir vielleicht heute schon auf den Kalar Patar klettern, wenn das Wetter klar bleibt. Ich bin schon so gespannt! Im Moment ist noch etwas unklar, ob Maayan mitkommt oder nicht. Ihr scheint es nicht so gut zu gehen.

19 Uhr - Gorak Shep - 5288m. 

Was für ein Hammertag! Wir haben es geschafft und ich kann es noch gar nicht glauben. Der Aufstieg, gleich nach dem Mittagessen, war nicht ganz so schlimm wie ich befürchtet hatte. Wir haben uns wieder gegenseitig ziemlich gezogen. Die letzten 50 Meter waren echt verdammt anstrengend. Die Luft ist irgendwie schon um einiges dünner, so daß man auch ganz schön blöd im Hirn werden kann!! Auf dem Gipfel (5545 m.!!!!) haben wir erstmal die obligatorischen Angeberfotos geschossen und dann den Ausblick genossen bis es auf einmal ordentlich kalt und windig wurde. Gerade als wir (Frank, Augur, Gitte und ich. Jürgen, Karsten, Sundar und Christine waren schon auf dem Rückweg) wieder auf gebrochen sind, ist Roey von Sanam angeschleift worden. Er hat ihn an der Hand den Berg mehr oder weniger hochgezogen. Aber sie haben es geschafft und nicht nur zu zweit! Roey hatte eine israelische Flagge, eine Flagge vom Jugendprogramm, ein T-Shirt von seiner Schule, eine Art Bibel, ein Foto von seiner Familie und noch einiges mehr dabei!!! 

Der Gipfel des Kalar Patars ist übrigens um einiges spektakulärer als alle gesagt haben. Schutthaufen okay, aber die Spitze ist so schmal, das eigentlich nur drei Leute darauf Platz haben. Bunt geschmückt mit Gebetsfahnen, ist sie dazu auch noch recht fotogen! 

Der Rückweg war super! Wir waren allerdings etwas überrascht wie lange er war. Aber das machte auch gar nichts mehr. Meine Glückshormonproduktion war im vollen Gange und so hätte ich noch ewig weiter laufen können. Zurück in der Lodge war ich dann allerdings so k.o., daß ich kaum noch gucken konnte. Als wenn die ganze Müdigkeit der letzten Tage auf einmal gekommen wäre.