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Marco bei der Kanutour in Masuren

Interview zur Kanutour in Masuren: „Natur, die rein läuft“

von der NETZWERK-Redaktion

Textnummer: 012202

Erstellt am 2008/08/06, zuletzt geändert am 2008/09/02

Die NETZWERK-Redaktion führte mit Jan Spiesberger und Jens Schindele, zwei der sechs deutschen Teilnehmer des ersten gemeinsamen Projektes mit den polnischen Partnern der Kulturgemeinschaft Borussia in Olsztyn, das folgende Gespräch zum internationalen Kanuprojekt „Czarna Hancza!“ in Masuren.

Die NETZWERK-Redaktion führte mit Jan Spiesberger und Jens Schindele, zwei der sechs deutschen Teilnehmer des ersten gemeinsamen Projektes mit den polnischen Partnern der Kulturgemeinschaft Borussia in Olsztyn, das folgende Gespräch zum internationalen Kanuprojekt „Czarna Hancza!“ in Masuren.

Welche Überschrift würdet ihr einem Zeitungsartikel über diese erste Jugendbegegnung mit unseren neuen Partnern in Polen geben?

Natur, die rein läuft.

Was meint ihr damit?

Wir waren die ganze Zeit mit dem Fluss in Bewegung und hatten deshalb das Gefühl, dass die Natur ganz ohne unser Zutun in uns hinein läuft.

Ihr habt beide die Goldstufe des Internationalen Jugendprogramms bereits abgeschlossen. Was bewegt einem dann noch zur Teilnahme an einem solchen Projekt?

Einmal, weil man danach neue Herausforderungen sucht. zum anderen haben wir die Goldexpedition in den Highlands zu Fuß gemacht und waren deshalb gespannt auf die Alternative „Kanu“, über die wir schon viel gesprochen hatten und dies in Zukunft ja wohl ebenfalls bundeszentral angeboten werden sollen.

Es war zu hören, dass bereits die Reise nach Polen ein Abenteuer war.

Das ist absolut richtig. Das eigentliche Abenteuer begann mit dem Wechsel auf die polnische Bahn, weil es öfters Verständigungsprobleme mit den Schaffnern gab. So waren wir ziemlich ratlos, als uns im Schlafwagen die Rückfahrttickets abgenommen wurden und wir nicht wussten, ob wir sie jemals wieder sehen würden. Auf der Rückfahrt wurde es dann richtig ernst, als sich herausstellte, dass wir die falschen Tickets hatten und wir nicht in der Lage waren, dies den wild gestikulierenden Schaffnern zu erklären.

Einen Gruppenleiter habt dennoch ihr nicht vermisst?

Nein, durchaus nicht. So waren wir ganz auf uns alleine gestellt, jeder hatte gleiches Stimmrecht. Es ist gut, dass uns, die wir ja alle volljährig sind, dieses Vertrauen entgegengebracht wurde.

Wie ging es nach der Ankunft weiter?

Zu unserer Überraschung wurden wir im Bahnhof von Olsztyn sogar abgeholt. Von dort erreichten wir zu Fuß schnell das Büro von Borussia, wo ein zünftiges Frühstück auf uns wartete. Nach und nach trafen dann auch die anderen Teilnehmer ein. Dann ging es mit dem Bus zum Startplatz der Tour, und während der Fahrt haben wir uns dann gegenseitig näher bekannt gemacht.

Wie habt ihr euch verständigt?

Auf Deutsch, da die polnischen Freunde sich auf diese Weise besser als auf Englisch ausdrücken konnten. Agnieszka, die Leiterin, hat perfekt deutsch gesprochen.

Statt der erwarteten Kanadier gab es als Boote überraschenderweise Kajaks. Wie seid ihr damit klar gekommen?

Schwierig war nur, dass es so nicht möglich, unsere Säcke wie geplant im Innenraum der Boote zu verstauen. So mussten wir halt improvisieren, was der Balance der Boote nicht unbedingt zuträglich war. Mit der anderen Technik selbst hatten wir keine Probleme.

Euere Ausbildung war also ausreichend?

Ja, mehr als das. viele Teilnehmer aus Polen waren bei weitem nicht so gut ausgebildet wie wir, die Teilnehmer aus der Ukraine haben bei unserem täglichen Spiel ums „Gelbe Trikot“ allerdings gut mitgehalten. Alles in allem war es eher eine gemütliche Paddelei ohne größere Gefahrenstellen.

Gab es trotzdem knifflige Stellen auf der Strecke?

Es gab ab und zu Äste im Fluss, und hin und wieder musste man in den Fluss springen um Verlorengegangenes wieder einzufangen – leider nicht immer erfolgreich...

Könnt ihr etwas zur Paddelroute und zur Landschaft, durch die ihr gefahren seid, sagen?

Wir sind von einem See aus gestartet, von dem aus zunächst der Fluss für die Weiterfahrt gefunden werden musste, was nicht ganz einfach war. Dann ging es mehrere Tage dem Fluß entlang, bis wir schließlich über sechs Schleusen die Seenplatte erreichten.

Habt ihr Flusskarten oder Flusswanderführer benutzt?

Die Navigation während der Tour lag völlig in den Händen der polnischen Leiter. Diese kannten die Route gut. Wir selbst hatten als Kartenmaterial PC-Ausdrucke zur Verfügung gestellt bekommen.

Wie war die Verpflegung?

Gut bis sehr gut. Jeden Abend gab es warmes Essen – den „polnischen Standardbausatz“ bestehend aus Kartoffeln, Krautsalat und Fleischbeilage.

Wo und wie habt ihr übernachtet?

Übernachtet wurde immer auf Campingplätzen in Zelten. Die Plätze wurden für den Wassertourismus eingerichtet und besitzen mindestens Toiletten, zum Teil auch Duschen und in einem Fall sogar warme Duschen. Auf allen Plätzen konnte man sich mit Proviant versorgen und sogar Geld tauschen.

Waren viele andere Leute unterwegs?

Mit uns waren noch drei andere Gruppen auf dem Fluss, die wir dann abends im Biwak immer wieder getroffen haben.

Was war der spannendste Moment bei der Tour?

Vor der ersten Schleuse. Vor uns war bereits eine Gruppe im Schleuseninnern und war offensichtlich zu weit nach vorne an den Wassereinlauf gefahren. Wir konnten nur ihre verzweifelten Schrei hören. Da kam schon etwas Unruhe bei uns auf, auch bei Agnieszka.

Und welcher der ödeste?

So etwas wie Langeweile gab es nicht bei dieser Tour. Es gab allerdings einen enttäuschendsten Moment - als sich beim letzten Campingplatz herausstellte, dass das Schild „Dusche“ vor dem letzten Campingplatz zwar richtig war, die Duschen abgeschlossen waren. Warme Duschen!

Gab es sonst irgendwelche besonderen Vorkommnisse?

An einem Tag war der ohnehin regelmäßig große Abstand zwischen den Booten schon bis zur Mittagspause auf über zwei Stunden angewachsen. Da haben wir uns schon unsere Gedanken gemacht – die Betreuer allerdings nicht....

Wie habt ihr sechs euch während der gemeinsamen Zeit verstanden?

Ausgezeichnet.

Und wie mit den polnischen Partnern der Kulturgemeinschaft Borussia und den anderen Mitgliedern der internationalen Gruppe vertragen?

Nach den üblichen Startproblem überaus gut.

Würdet ihr die Kanutour in den Masuren weiterempfehlen?

Auf jeden Fall.

Warum?

Weil hier alles zusammentrifft: beeindruckende Natur, sehr offene und freundliche Menschen, die vom gleichen Schlag sind wie wir. Und natürlich eine gewisse sportliche Herausforderung.

Dann können wir auf euch wohl als Gruppenleiter beim nächsten Kanuprojekt in Polen zählen?

Sofort.

Was würdet ihr bei der Organisation oder dem Programm ändern?

Kleinigkeiten, im Ganzen ist das Projekt so, wie wir es gemacht haben, ausgereift und eine runde Sache. Im nächsten Jahr soll ja auch eine Ponytour stattfinden, auf die wir uns jetzt schon freuen.

Was wollt ihr sonst noch sagen?

Grüße an die anderen Teilnehmer und herzlichen Dank an Agnieszka und die anderen Leiter. Zdrowko!